Wo die eigentliche Freiheit stattfindet

Ich deutete schon in gestrigem Beitrag das Recht-haben-wollen an, was mit das Hauptmotiv des Egos ist. Es lohnt sich da noch näher hinzuschauen.


Es zeigt sich nämlich vor allem im Folgen von Gedankenketten, die als ungemein wichtig und entscheidend eingestuft werden, und daher nicht losgelassen werden wollen.


Die Stärke des Egos bemißt sich darin, inwieweit jemand dem nachgibt, anstatt sich einzugestehen: "Hey, was verfolge ich da eigentlich so zwanghaft? Brauche ich das wirklich? Was versuche ich zu beweisen/erreichen/darzustellen? Für wen?"


Bei mir zeigt sich das z. B. sehr stark an so freien Tage wie jetzt, wenn ich im Internet surfe und von einem Link zum nächsten gerate, und dabei scheinbar nicht aufhören kann. Verantwortlich sind nicht die Inhalte/Angebote/Nachrichten/Reize der Seiten, sondern mein Kleben an meiner Gier, die sich hier im Verstand zeigt, der neue Informationen/Fakten/Materialien zum Lesen benötigt, um nicht auf dem Trockenen zu sitzen.


Dieses Auf-dem-Trockenen-sitzen mag nämlich im ersten Moment sehr unangenehm wirken, wie eine Schmach oder Niederlage, ist aber der erste und wichtigste Schritt zur Genesung von diesem inneren Tyrann, der nie genug bekommen kann.


Auch im zwischenmenschlichen Bereich zeigt sich das z. B. in Diskussionen mit anderen Männern, was ich aber schon länger nicht mehr mache, weil ich eben diesen zugrundeliegenden Mechanismus verstanden habe, daß ein Verfolgen und Durchsetzen-wollen "meiner Sicht" nur diese oberflächliche Spannung bedienen soll, die gefüttert werden will.


Die Wahrheit ist ewig, die Realität unveränderlich. Was sich verändert, ist nicht real, was real ist, verändert sich nicht. Also was ist es in Ihnen, das sich nicht verändert? Solange es Nahrung gibt, gibt es Körper und Verstand. Gibt es keine Nahrung mehr, stirbt der Körper, und der Verstand löst sich auf. Doch löst sich auch der Beobachter auf?

- Ich bin, S. 104


Hier ist wichtig: Es ist auch nicht nötig, den Verstand auf Dauer trockenzulegen, denn das ist 1. sowieso nicht möglich, und 2. auch nicht der Sinn der ganzen Sache. Es geht darum, herauszufinden, was ich selber bin, nämlich der Beobachter hinter dem Verstand. Das geht jedoch nur, wenn seine volle Dominanz und Wichtigkeit ein Stück weit aufgegeben wird, wenn also die Gedankenketten nicht immer zwanghaft befolgt, sondern einfach nur beobachtet werden, und durchlaufen können, ohne auf sie einzugehen.


Das geht nicht von heute auf morgen, aber von Tag zu Tag merke ich, daß das die eigentliche Heilung, die eigentliche Antwort ist, und nicht sich mehr und mehr Wissen und Kontrolle im Verstand zu sichern, um das dann in der Welt zu behaupten.

Ich merke, daß ich da alleine auch nie hinkomme, sondern hin und wieder auch mal vom Leben einen auf den Deckel bekommen muß, damit sich diese Verstandesdominanz etwas lichtet. Die derzeitige politische Lage ist hier z. B. sehr hilfreich, so verzwickt und widerwärtig sie auch sein mag, denn dadurch funktionieren gewisse alte Muster und Gewohnheiten nicht mehr so wie früher, fallen deutlicher auf. Hier vor allem das Abwerten anderer Menschen, Hadern mit dem Schicksal oder der Beschäftigung damit, wie der eigene Körper nun irgendwie geschützt werden kann.


Der letzte Punkt ist sehr wichtig, denn das heizt den Verstand besonders an, was mir z. B. bei meiner Verletzung vor zwei Monaten auffiel: "Wie geht es weiter, wenn mein Fuß nicht mehr heilt? Wer hilft mir dann? Wie kann ich dann noch Geld verdienen?" Die Sorgen heizen den Inneren Dialog an, was mit zunehmendem Alter, mehr Anfälligkeit und mehr Verantwortung sicher zunimmt.


Diese Sorgen und Gedanken können bestimmt nicht verhindert werden, aber es hilft, sich mehr und mehr, auch in Momenten ohne akute Belastungen, mit der unveränderlichen, schon immer gleichgebliebenen Beobachterposition vertraut zu machen, da das auch in schwereren Zeit nicht einfach vergessen wird. Etwas in einem richtet sich dort nämlich durchaus ein.


© 2021 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, Impressum, Datenschutz