Was habe ich mit dieser Kultur zu tun?

Die deutsche Geschichte ist besonders, und deswegen haben die Deutschen eine spezielle Verantwortung. Von wegen. Beispiel: Die Amerikaner von heute haben nichts mehr mit der Verdrängung der Ureinwohner zu Beginn der Kolonisation des Kontinents zu tun, und es hindert sie deshalb zurecht nicht, sich positiv gegenüber ihrem Land zu zeigen. Genausowenig haben Franzosen (Napoleon-Größenwahn), Italiener (Mussolini-Faschismus), Russen (Stalin-Regime: Kollektivierung, Gulags), Japaner (2. Weltkrieg-Größenwahn) oder Chinesen (Mao Tse Tung: Großer Sprung nach vorn) geschichtlich eine weiße Weste. Müssen sich aber die Bürger dieser heutigen Kulturnationen schlecht fühlen, für etwas, was Generationen vor ihnen passiert ist? Natürlich nicht. Was soll dabei schließlich herauskommen?


Selbst Reue für einen selbstbegangenen Fehler in der Vergangenheit hat keinen Nutzen. Man fühlt sich nur schlecht, deprimiert, und traut sich gar nichts mehr, aus Angst wieder etwas falsch zu machen. Man knickt ein, lebt gar nicht mehr und verkümmert. Aber man "lernt", scheinbar. Was Deutschland angeht, haben die meisten heute Lebenden noch nicht mal etwas verbrochen, und sollen trotzdem etwas bedauern? Verrückter geht es kaum. Da wird Verantwortung für etwas übernommen, womit man überhaupt nichts zu tun hat.


Und nein, das ist nicht gefährlich und könnte potentiell zu denselben Fehlern führen, die andere mal gemacht haben, weil so sowieso nichts gelernt werden kann. Eine Kultur lernt nicht. Das ist ein geläufiger Irrtum: Eine Kultur wäre zeitlich gesehen in einem Aufwärtstrend, der zu immer höheren Erkenntnissen und Errungenschaften führt, bis schließlich die ideale, konfliktfreie, allumfassend liebevolle Gesellschaftsform gefunden wurde. Das setzt sowas wie ein Kollektivbewußtsein voraus, eine Art Überwesen, daß die Zeiten überdauert und Erfahrungen sammelt, während Einzelne in diesem Lernprozeß nur beiläufig kurz erscheinen, möglichst bißchen beitragen und wieder verschwinden. Auch entsteht die Wirkung, der jetzige Stand einer Kultur steht immer nur kurz vor dem endgültigen Durchbruch, wären da nicht noch die politischen Gegner oder unerwünschten Strömungen in der Bevölkerung, die das leider verhindern würden. Wenn dies und jenes nicht wäre, dann wären wir endlich da, wo wir alle sein wollen...


Tatsächlich ist die Kultur nur eine Kulisse oder Leinwand, nichts, was voranschreitet, irgendwie auf Dauer besser oder schlechter wird. Eine Leinwand hat selbst keinen Inhalt, bietet nur die Fläche, auf die Inhalte projiziert werden können. Genauso ist eine Kultur nur dann lebendig, wenn sie von Individuen beseelt wird, die durchaus Lernerfahrungen in ihr machen, in einer bestimmten Sprache, religiösen Tradition, Gepflogenheitsart, Landschaft, Fortbewegungsart, einem bestimmtem Kleidungsstil, Stadtbild, usw. Das ist aber allein eine persönliche Erfahrung, denn nur ein Einzelner nimmt all das wahr, hat dafür Sinne, kann etwas tun, ansprechen, umsetzen. Und all das nur während seiner Lebensspanne. Da kann was für ihn passieren, und nebenbei eine Gesellschaft aufblühen oder den Bach runtergehen, was aber nur sekundär ist. Wichtig zu verstehen ist, daß es um den eigenen Part darin geht, und um nichts anderes.


Natürlich wird einem das jeder schlechtreden, dieses Denken sei hochgradig gefährlich, egozentrisch, geschichtsverharmlosend, man sorge sich nicht genügend um das Allgemeinwohl, wenn jeder so denkt würde alles verfallen. In dem Fall ist die Perspektive eben komplett verdreht, weil so ein Mensch sich nur von außen sieht. Er spricht nicht von seiner eigenen Erfahrung. Er plappert nach, was ihm eben dieses Umfeld von Kindesbeinen an eingetrichtert hat: Du bist ein Nichts, und erst dann etwas wert, wenn du in dem ganzen Ding etwas beizutragen hast. Familie, Kindergarten, Schule, Kirche, Medien, später Job sind für nichts anderes da, als dir das einzusuggerieren: Sie sind wichtig, und du hast zu liefern. Wenn du hinterfragst, dich abwendest, wird dir Angst gemacht, du könntest obdachlos werden, du verkommst, vereinsamst, hast keine Freunde mehr, verfällst einer Sekte, oder den "Rechten". Jedenfalls passiert etwas ganz, ganz Schlimmes mit dir. Komme ja nicht auf die Idee, daß dein "rein subjektives" Erfahren irgendeinen Wert hätte! Das treiben wir dir schon noch aus!


Aber genug mit diesem Dreck, den jeder zu Genüge um die Ohren gehauen bekommen hat. Für mich ist das alles Ballast, den ich nicht mehr tragen muß. Ich schulde niemandem was. Ich habe auch niemanden im Stich gelassen. Die Kultur geht ihren Gang, wird vielleicht sogar einfach Verschwinden oder in etwas anderem aufgehen, genau wie die alten Ägypter, Römer, Kelten oder Etrusker. Vielleicht wird irgendwann auch nicht mehr Deutsch gesprochen, genau wie Latein, Altgriechisch oder Gotisch dann nur noch ein Relikt in Büchern sein. Und trotzdem braucht mich all das nicht zu bekümmern, weil ich damit gar nichts zu tun habe. Null. Es ist schlichtweg nicht meine Sache.


Wenn es was zu Lernen gibt, dann das. Daß man sich aus dem Zeitablauf abkoppelt bzw. diese nicht involvierte Position mitbekommt, weil sie immer der Fall ist. Und wie schon so oft wiederholt heißt das nicht passiv, apathisch, desinteressiert zu werden, sondern erst recht wirkliches Energiepotential zu erschließen, weil es nicht für überflüßiges Engagement vergeudet wird. Vor allem weil man merkt, daß es z. B. nicht um Überzeugen von irgendwelchen Leuten oder Ausfechten von Diskussionen geht, sondern um ganz andere Ziele, völlig unabhängig von Zustimmung oder Ablehnung eines Umfelds. Verständnis bleibt z. B. Verständnis, ganz egal, ob das noch jemand versteht oder nachvollziehen kann. So auch mit offenkundigen Tatsachen, wie z. B. dem Erscheinen und Vergehen der Erfahrungswelt (und damit auch Deutschland) mit dem eigenen Kommen und Gehen. Das ist keine geheime Esoterik, sondern jeder erfährt das so, nachprüfbar und direkt.


Nach all den Erklärungen könnte man nun zu dem Schluß kommen: Was in Deutschland passiert ist bedeutungslos. Ich muß aber fragen: Wieso aber beschäftigt das trotzdem? Wieso schreibe ich trotzdem hin und wieder darüber, denke drüber nach, leide oft mit? Wenn es sowieso egal ist, wohin sich dieses Land entwickelt? Nun, ist es tatsächlich so, daß es mich wenig juckt, ob eine Partei x Prozent bei einer Wahl bekommt, oder ob ein Politiker eine gute Rede in Landtag Y hält. Das ist viel zu abstrakt. Es ist alles viel einfacher: Weil ich hier nun mal lebe, will ich einfach das unterstützen, was mir mehr Spielraum läßt, mich nicht zensieren, ja geradezu abschaffen will. Daher ist es ein ganz natürlicher Impuls, die Strömungen hier im Land zu unterstützen, die eher dafür stehen. Ist etwas in Ungleichgewicht, unterstütze ich die Seite, die eher ein Gleichgewicht wiederherstellt, brennt etwas in meinem Zimmer schütte ich Wasser drauf, kommt mir eine dunkel gekleidete Gruppe Jugendlicher entgegen, wechsele ich die Straßenseite. Das sind Dinge, die ich nicht lange abwäge, weil jede Sekunde Nachdenken völlig idiotisch wäre. Man sieht das Problem, und weiß was zu tun ist.


Dabei geht es wirklich nicht um diese Drei-Buchstaben-Parteien, die völlig austauschbar wären, sondern genauso wie ich versuche mein Lebensumfeld möglichst ordentlich, sauber, klar, und frei von Gefahren und Schmerzen zu halten, genauso versuche ich mir über den Schmutz und Dreck im "großen" Lebensumfeld des Landes klarzuwerden, weil es einem auch tagtäglich begegnet, in verheerenden Denkweisen und Überzeugungen, die unermeßlichen Schaden anrichten. Ich bin jedenfalls nicht der Typ, der dem einfach schulterzuckend den Rücken kehren kann.


Aktiv zu sein, heißt aber nicht, die gesellschaftliche Meinung beeinflußen zu wollen. Da gibt es z. B. genug YouTuber, die sehr engagiert sind, und fleißig Abonennten sammeln, sich einem Massenangebot an Mainstreamplattformen entgegenzustemmen versuchen. Hier ist wieder der Irrtum des gesellschaftlichen Aufwärtstrends zugange, der z. B. von einem selber eingeleitet werden soll (ein Ich bildet sich ein, das zu können). Mir wurde zwar eingeredet, ich wäre ein Nichts, aber nun stemme ich mich dagegen, beweise allen, daß ich doch jemand bin, indem ich den Märtyrer spiele. Das mag zwar sehr ehrenwert sein, und ich kann für diesen Mut wirklich nur den Hut ziehen, aber letztlich ist auch das ein Abirren, weil die eigene Aufgabe sicher nicht ist, sich für eine Gesellschaft aufzuopfern, die einem außer Lob sowieso nichts zu geben hat.


Es ist sicher Ok, das zu tun, was man tun kann, aber wenn damit Erwartungen aufgebaut werden, ist der Zweck des Tuns verfehlt. Was erwartet einen im besten Fall? Die gewünschte politische Richtung setzt sich durch, wir können alle in Frieden leben, mit den Leuten leben, die wir hier haben wollen, jeder hat die Freiheit die eigene Meinung zu sagen. Bitte nicht falsch verstehen, ich bin auf jeden Fall dafür, denn es ist das Geburtsrecht von jedem, aber selbst wenn diese gesellschaftlichen Umstände herrschen würden: Was machst du damit? Anfänglich erstmal froh sein, gut, und dann? Damit fängt die Sache doch erst an, oder?


Ich merke das z. B. wenn ich mal ein paar Tage länger frei habe. Wenn man lange und viel gearbeitet hat, freut man sich drauf, aber nach einer gewissen Zeit wird es irgendwie langweilig. Was mache ich mit dem vielen Spielraum? Diese Frage kommt, denn es entsteht eine Art Vakuum. Zu lange hat einen nämlich ein Scheinsinn beschäftigt, sei es Arbeit, Beziehungen, oder eben Politik, die Gesellschaft. Das sind alles Ablenkungen. Es gibt da auch keine vorgefertigte Antwort, weil da jeder selber sehen muß, was er möchte. Aber erst da fängt das eigene Leben an. Was mache ich mit meiner Zeit? Klar, ich will politisch meine Interessen vertreten haben, aber das ist die Grundvoraussetzung, nicht das Ende. Wie geht es dann weiter? Was arbeite ich, lerne ich eine neue Fähigkeit, ein neues Instrument, entwickle ich etwas? Da fängt das eigene Schicksal an.


Um zum Abschluß zu kommen: Wie am Anfang gesagt, ist eine Kultur ein bestimmtes Umfeld, daß ich als zu mir gehörig empfinde. Sie hat aber kein eigenständiges Gedächtnis, ist für mich wie für jeden anderen eigentlich ein unbeschriebenes Blatt. Was vorher in ihr verbrochen oder geleistet wurde, ist nur soweit relevant, inwieweit ich verstehen kann, in was für einer Haltung ein Einzelner in ihr gehandelt hat. Einen hörigen Lemming eines früheren Regimes unterscheidet sicher nichts von einem heute. Diese Art Mensch glaubt bedingungslos den Verlautbarungen, wird von einem roten, brauen oder rot-grünen System verschlungen, mißbraucht, abgerichtet. Das könnte man von früheren Generationen tatsächlich lernen, als abschreckendes Beispiel, und wäre im selben Moment auch ein Stück weit freier. Als positives Beispiel können sicher einige Musiker, Künstler, Schriftsteller, Erfinder herangezogen werden, nur um festzustellen, daß viele trotz unmenschlicher Leistungen und Geniestreiche, genauso frustriert und gescheitert geendet sind, weil sie eben meinten, die Kultur, der sie ihre Produkte und Werke schenkten, müßte durch ihre Taten befruchtet und verändert werden. Da das aber wie gewünscht nicht eintreten kann, zerschellen die jahrelang aufgebauten Hoffnungen und Erwartungen in Verbitterung und Enttäuschung gegenüber der Welt, die die eigene Mühe nicht genug wertschätzt.


Der Einzelne, seine Motive, sein Innenleben, das ist Kultur, da spielt sie sich ab, nicht irgendwo da draußen, bei angeblich wichtigen Instanzen und Entwicklungen.








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