Umstände und Wiederaufkommen von Gefühlslagen

Ich hätte das nie für möglich gehalten, aber zunehmend kommen Gefühlslagen hoch, die ich schon sehr lange nicht mehr wahrgenommen habe. Die Kälte der letzten Tage, wie auch der lange Nebel rufen etwas lange verloren Geglaubtes wieder wach.


Durch die Umstände in unserem Land entstehen interessenterweise auch Reminisenzen an meine Schulzeit, besonders an die fünfte Klasse und meiner damaligen Verunsicherung in der neuen Realschulklasse im Herbst. Damals fühlte ich mich sehr isoliert, weil ich niemanden kannte, während sich viele schon aus der Grundschule kannten. Ich war eh schon eher wortkarg und schüchtern, und brauchte fast ein dreiviertel Jahr, um neben meinem Banknachbarn noch mit weiteren in der Klasse marginale Kontakte zu knüpfen. Besonders mit den Bayern aus dem Umland tat ich mich sehr schwer, die dann in späteren Jahren auch Erfolg bei den Mädels hatten. Zu denen fand ich nie wirklich einen Draht, nur mit paar aus meiner Stadt ging das mehr oder weniger. Ich sprach auch sehr leise.


Ich erinnere mich an dieses Jahr, weil es so intensiv war, ich sehr viele, auch unangenehme Erfahrungen machen mußte, ganz zu schweigen, von der ständigen Bedrohung zuhause durch meinen Vater. Die Schule war in dem Jahr aber nochmal ein zusätzlicher Brennofen, auch weil die Anforderungen gleichzeitig sehr viel höher als noch in der Grundschule wurden. Es war jeden Tag sehr aufwühlend, da auch immer eine Gefahr herrschte bloßgestellt oder bestraft zu werden, wenn man mal nicht gelernt hat, seine Hausaufgaben nicht machte oder sonst wie durch eine Bemerkung auffiel.


Wieso das gerade jetzt hochkommt? Vermutlich löst sich hier für mich durch die offensichtliche Unlogik und Verrücktheit unserer jetztigen Lage auf, daß nicht ich mit meinem Empfinden irgendwie gestört gewesen bin (dieses Gefühl habe ich und haben andere definitiv in diesem Deutschland mit voller Kraft abbekommen), sondern das Problem liegt woanders, auf einer anderen Ebene. Es ist auch wichtig zu erwähnen: Auch nicht an der Dummheit dieser anderen Leute, "dieser Gesellschaft". Die sind zwar eindeutig beschränkt, aber mein Fehler war, das immer irgendwie mehr auf mich zu beziehen als nötig. Die Empfindung der Abstoßung ist sicher als solche völlig Ok, aber ich habe mich mehr gequält als eigentlich nötig war.


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