Die Krise ist die größte Hilfe

... die ich je bekommen habe. Denn das durch sie ausgelöste Unbehagen und der Druck verweist direkt und glasklar auf mein Ego, was das eigentliche Problem ist.


Die Mitmenschen, so dumm sie sich auch verhalten, die Politiker, so unmenschlich und kaltherzig ihre Beschlüsse auch sind, deren Verhalten alleine ist nämlich noch gar nicht das, was mich belastet.


Was mich belastet ist das, was in mir durch die Situation ausgelöst wird: Das ist eher Enttäuschung, das Gefühl in wenigen Situationen ungerecht behandelt zu werden, ein Gefühl von Im-Stich-gelassen-Werden und zwischenmenschlicher Isolation, sogar Langweile und Überdruß (weil man hier aus- bzw. eingesperrt wird). All das fühlt sich unangenehm an, und wird daher sofort verlagert, auf die bösen Auslöser geschoben, oder durch "Aktionen" wie Demos, Diskussionen, Links-Posten oder Austausche kanalisiert, um sich mit dem Gefühl in mir nicht mehr auseinandersetzen zu müssen.


Damit erstmal alleine dazusitzen mag sich erstmal unbehaglich anfühlen. So, wie wenn gerade das sinnlos erscheint, weil damit ja "nichts erreicht wird", "Deutschland davon nicht freier wird". Wie soll es aber Deutschland besser gehen, wenn es erstmal mir selber gar nicht gut geht? Wenn ich mich selber schlecht fühle, dann aber da raus gehe und meine Unzufriedenheit artikuliere, wie soll dann etwas Gutes passieren? Millionen von Unzufriedenen gehen nach draußen und wollen dann im Kollektiv Glück erreichen, sei es als Pandemie- oder Regimebekämpfer. In Wahrheit wird nur das eigene Ungeklärte in die Welt getragen und dort dann ausgetragen, ohne letztlichen Sinn und Nutzen. Genau wie Krieg; dort kämpfen die Egos gegen Egos, machen alles kaputt und bauen dann wieder auf (in sich völlig irrsinnig und sinnlos); da gibt es die Egos, die mich bestätigen, auf meiner Seite sind, oder eben Egos, die mein Ziel vom Glück nicht teilen, dem im Weg stehen (seien es die "Impfgegner", die völlig unvernünftig scheinen, oder die "Maskenaffen", die freiheitlich-demokratische Prinzipien mit Füßen treten).


Zu sehen: "Es sind gar nicht die anderen, die mich glücklicher oder unglücklicher machen, sondern die verstärken nur etwas, was ich in mir schon habe.", ist schon ein Riesenschritt in die richtige Richtung, auf die Lösung zu.


Es ist im Kern vor allem ein trotziges Verhalten, welches hinter dem Leiden unter der Krise steckt, eine Art verletzter Stolz oder eine verletzte Würde, die vor allem bei den Maßnahmenkritikern auftritt, die "in Ruhe gelassen werden" und "frei sein wollen". Das darauf aufbauende Rebellentum ist ab da nichts weiter als ein Reagieren auf das eigene Ego, welches "sich nichts bieten lassen will", vielleicht sogar "flüchtet" oder nun jeden, den er antrifft, verdammt, weil dieser ihm nicht das gibt, was er angeblich verdient hat (Verständnis für meine Situation, demokratisches Verständnis, für freien Selbstausdruck, Selbstbestimmung usw.). Es ist die Erwartung und Forderung, jemand solle so denken wie ich, oder bestimmte Werte, vor allem aber meinen Wert und meine Rechte sehen/anerkennen.


Das Heimtückische ist, daß das Ego hier ein teilweise faktisch berechtigtes Interesse umkehrt zur eigenen Selbstbestrafung. "Mein schlechtes Gefühl ist schließlich mein gutes Recht!", heißt es dann. "Wer sich jetzt nicht schlecht fühlt, der akzeptiert doch alles was hier an Unrecht passiert, stützt doch indirekt das System!" "Die Unzufriedenheit ist doch genau das, was hier diesem Regime etwas entgegensetzt." Das Interessante an all diesen Ausreden ist, daß sie erstmal sehr durchdacht wirken, in Wahrheit aber falsch sind, denn meine eigene Unzufriedenheit und Abkapselung habe nur ich selber. Die Gesellschaft weiß davon ja gar nichts, will es aber auch nicht und das auch zurecht, weil wieso soll ich mir den Ego-Mist von irgendwem antun? Genauer betrachtet ist das Ego schon das Regime, die Tyrannei, die mich kaputtmacht. Das im außen ist nur eine Folge davon.


Der Wert der Krise ist daher: Das kommt endlich mal bei mir hoch! Vorher war es einfach noch nicht dringlich genug, das anzusehen, aber jetzt ist es das. Jetzt, wo es im außen keine wirkliche Perspektive gibt, und jedes Sich-Abstrampeln ein Kampf gegen Windmühlenräder ist, ist die Frage nach der wahren Ursache des Unbehagens aktueller denn je.


Es ist aber klar, daß das nur wenige wirklich für sich in Betracht ziehen. Es ist viel leichter im außen nach Lösungen zu suchen, gilt das schließlich als "proaktiv", "engagiert" und wird entsprechend durch Anerkennung belohnt. Der Mensch, der bei sich die Lösung sucht, wirkt dagegen dumm, vielleicht erstmal passiv, uninteressant, da die Konfrontation mit dem eigenen Ego eher demütiger, kleinlauter macht. Dort ist aber erst die eigentliche Lösung für diese Krise zu finden.


Denn wer ist die Gesellschaft, wenn nicht ich? Die Leute tun immer so, wie wenn die Gesellschaft da draußen ganz anders wäre als sie selber. "Ich bin schließlich was ganz Besonderes", "ganz anders, als die da draußen". Ist das wirklich so? Das ist doch offenkundig Unfug, weil genau wie hier ein Wesen atmet, denkt, spricht usw. tut es doch genauso mein Nachbar, Kollege, wer auch immer. Jeder verfolgt das, was er für gut und richtig empfindet. Es mag sein, daß die Beschränktheit einiger größer ist, als die anderer, aber wieso muß mich das bekümmern? Mich hat meine eigene Beschränktheit zu interessieren, nicht die meines Nachbarn. Alleine damit habe ich schon eine Aufgabe, die vermutlich ein ganzes Leben in Anspruch nimmt und selbst dann noch nicht abgeschlossen sein wird, weil ich bereits in mir so viel Unrat antreffe, der entsorgt gehört, weil er nur unnötig belastet. Diese Gesellschaft ist gerade eben so, wie sie ist, weil alle ihren Unrat auf die Straße schmeißen, wollen, daß andere den für sie lösen oder entsorgen und das kann natürlich nicht funktionieren.


Den besten Dienst an diesem Gemeinwesen leistet also der, der das nicht tut, sondern versucht in sich Klarheit und Zufriedenheit zu finden. Zumindest wird dann nicht noch mein Dreck aufgeräumt werden müssen. Daß das natürlich die Gesamtgesellschaft von ihrem Kurs nicht abbringen kann, sollte klar sein. Ich habe aber für mich zumindest schonmal das getan, was wirklich notwendig ist. Und damit indirekt auch dieser Welt einen Bärendienst erwiesen (auch wenn diese das nie verstehen oder anerkennen wird, worauf ich dann aber auch nicht mehr angewiesen bin).