Die Kathedrale von Chartres

Die Kathedrale von Chartres: Eines der, wenn nicht das beeindruckendste Bauwerk der westlichen Hemisphäre. Das Urbild gotischer Kathedralen, fertiggestellt 1260 nach ganzen 66 Jahren Bauzeit, und seither so gut wie unversehrt, hat auch mich in den Bann gezogen und nun auch persönlich angezogen, um es mit eigenen Augen (und eigenem Herzen) zu erleben. Denn nur so läßt sich überhaupt wirklich verarbeiten, was da schier übermenschlich aus dem Boden gestampft wurde.


Bereits weit aus dem Umland sichtbar: Der Kathedralbau, der die Stadt um ein Vielfaches an Höhe überragt


Eindrücke von der imposanten Außenfassade mit außerordentlich detailtreuer, filigraner Steinbearbeitungskunst




Ist der Außeneindruck schon recht imposant, so schließt sich eine völlig neue Welt bei Betreten des inneren Kirchenschiffs auf:

Das Gewölbe im dritten Bild zeigt die verblüffende Ähnlichkeit zu orientalischer Ornamentik, die aber zu erklären ist, da die Erbauer dem Templerorden angehörten, der sich in Jerusalem im Nahen Osten gegründet sah; sie sahen in dem gesamten Kathedralenbau deshalb auch den Wiederaufbau des salomonischen Tempels.



Besonderheiten


Die Fenster

Zu sehen ist hier das vor allem bläulich-rötlich schimmernde Glas, welches die Jahrhunderte, Kriege und all die Phasen menschlicher Zerstörungswut wie durch ein Wunder unversehrt bis heute überstanden hat und das Licht auf ganz besondere Weise ins Kirchinnere läßt. Besonders in den Seitenschiffen, wo die Wände noch original dunkel sind - nicht wie im Rest der Kirche bereits weiß - entsteht durch das unübliche Lichtverhältnis eine recht friedliche, geborgene Atmosphäre.


(Das Blau des Glases wird übrigens auch Chartres-Blau genannt, weil die Mixtur so nur dort vorkommt, nirgendwo sonst. Die Erbauer haben ihr Geheimrezept dafür mit ins Grab genommen.)



Das Labyrinth

Kathedrale Chartres Labyrinth

In den Sommermonaten werden fast jeden Freitag die Stühle zur Seite geschoben, um das in den Boden gebaute Labyrinth freizulegen, dessen Begrenzungen aus schwarzen Marmorsteinen in den umliegenden Boden eingelassen sind. Es handelt sich hierbei um keinen Irrweg, bei dem es Sackgassen gibt, sondern um einen Weg, der entlanggegangen garantiert zur Mitte und wieder zurück führt, und dabei auch jeden Bereich des Kreises einmal durchlaufen läßt.



Persönlicher Eindruck


Ich bin fast schon traurig, diese Erfahrung nun hinter mir zu haben, denn ich weiß, daß ich wohl kaum ein überwältigenderes Gebäude mehr in meinem Leben betreten werde. Alles weitere muß sich jetzt zwangsläufig damit messen. Zu eindrucksvoll, zu prägend erwies sich dieser Anblick, was für viele sicher zu hochgestochen klingen mag ("ist ja nur eine Kirche, wie jede andere auch"), aber hier geht es nicht darum irgendeine christliche - wie ich finde auch zurecht als öde empfundene - Glaubensbedeutung zu propagieren, sondern schlichtweg die nüchterne, direkte Wirkung zu beschreiben, die hier jedes Superlativ verdient hat, weil sie alles überragt, was ich bis dato erfahren durfte.


Es fängt schon mit der Anfahrt in die Stadt an, die durch diese in den Himmel ragende Landmarke einen ganz anderen Kontext bekommt, nicht einfach nur seelenlos und zufällig irgendwo im Einerlei des Landes auftaucht, sondern direkt eine klare Orientierung schon von weitem bietet. Dieser Ort kann gar nicht verfehlt werden. Der Fußweg durch die Altstadt, den leichten Hügel nach oben zum Vorplatz der Kirche erweist sich als kleiner, vorfreudevoller Vorbereitungsgang, mit fast ständig möglichem Blick auf die große Südfassade mit Rosette, die fast wie eine große Wand vor einem erscheint, über den Dächern der Stadt schwebt. Alltäglich ist das nicht!


Von außen noch größtenteils schlicht grau, verwittert und zugegebenerweise bis auf die Steinskulpturen über den Eingängen recht schlicht gehalten, ist definitiv alleine die Größe und Dimension das, was auffällt. Eine Größe, die aber nicht einschüchtert, sondern vielmehr einlädt.


Der solide, ockerfarbene Steinboden, der den gesamten Kirchengrund im Inneren bekleidet, hat sofort eine solide Basis geschaffen, die trägt und festen Halt bietet. Für das Wohlbefinden außerordentlich wichtig und durchdacht! Denn durch die Säulen, die im menschlichen Maß konzipiert sind, entsteht durchaus das Gefühl sehr groß und weit zu werden, nach oben gezogen zu werden. Da tut es gut, etwas Grundsolides unter sich zu haben.


Das Labyrinth, das zu meiner Anwesenheit glücklicherweise zufällig freigelegt war (was ich so gar nicht erwartet habe), wurde von alt und jung gleichermaßen erstaunt beschritten. Ja, im ersten Moment recht kindisch erscheinend - viele Erwachsene sind einfach so durchgelaufen, ohne auf die Begrenzungen zu achten; geht ja viel leichter - war es doch recht lehrreich den Weg komplett von Anfang bis Ende und wieder zurück zu beschreiten - was insgesamt mehr als ein halber Kilometer ist! - da dann klar wird, daß es im Leben eben nicht einen geraden, linearen Weg, sondern viele verschiedene Windungen und auch Entfernungen vom und zum Ziel gibt, und das vor allem Geduld, Beharrlichkeit, aber auch Vertrauen, daß der Weg einen nicht im Stich läßt, entscheidend sind.


Ich fühlte mich während und nach Durchführen des Rituals deutlich besonnener, und saß und ging einige Stunden in der Kirche, die für mich zunehmend an Faszination gewann. Anders als bei anderen Besichtigungen, die mich mit zunehmender Dauer eher ermüden, war das hier völlig anders: Ich wurde immer wacher, energiegeladener und tankte regelrecht Lebenskraft in dieser Atmosphäre, so als hätte das Bauwerk seine gesamte Kraft, die es hat und ausstrahlt, auf mich, durch mich, in mich hinein transferiert, so daß ich sie in meinen Alltag mitnehmen kann. Etwas, das bewußt oder unbewußt jeder, der dort Anwesenden aufnimmt. Eine Ausstrahlung, die ich beim Café in der Altstadt sofort auch den jungen Französinnen weitergeben konnte, die dort arbeiteten. Eine unerklärliche Freude ohne Grund tat sich auf, kleine Vögel hüpften um mich herum und es schien als hätte alles wieder seinen richtigen, schon immer innewohnenden Platz eingenommen.



Quellennachweise:


Kathedrale von Chartres (Anthro-Wiki), 09.06.2020

Labyrinth von Chartres (Paris-Blog), 08.04.2016

Labyrinthe im Christentum (Radio Libertas), 14.11.2019

Fotos und Text: Christian Nikitin



































Ist der Außeneindruck schon recht imposant, so schließt sich eine völlig neue Welt bei Betreten des innerehiffs auf:auf:uf: