Die Herausforderung liegt im Annehmen des Ist-Zustand

Heute ging ich draußen Laufen, und schon als ich an einer Kreuzung einem Polizeiwagen gegenüberstand, wurde mir ziemlich unwohl. "Bloß keinen Blickkontakt, möglichst unauffällig wirken.", sind dann so meine Gedanken, die sich komisch anhören mögen, weil ich gegen kein aktuelles Gesetz verstoßen habe, aber nun mal von unten aufstiegen. Mein Körper ist einfach automatisch angespannt, wenn ich auch nur in der Nähe von Leuten bin, die diesen Staatsapparat und seine Lügen vertreten.


Das war nun auch mit ein Grund, wieso ich die letzten zwei, drei Monate auf keiner Demo mehr war, weil ich bei meinem letzten Besuch in einer Stadt in meiner Nähe regelrecht geschockt war, wie auf einen Demonstranten ein Polizist in voller Montur kam, und alle im Bereich des Veranstaltungsgeländes wie Verbrecher auf Maske oder Attest kontrolliert wurden. "Da stelle ich mich nicht dazu.", ist dann mein direkter Instinkt, auch wenn ich die Anliegen der Menschen zu 100% unterstütze. Es ist nämlich keinem geholfen, wenn ich selber Bußgeldstrafe zahle.


Auch das hier bestätigt diesen Eindruck: Polizei: Mit Fäusten gegen die Pressefreiheit. Mir wird hier klar: Diese Typen sind nicht zufällig in ihrem Beruf. Die Ausrüstung, die Montur, die Waffen, die Möglichkeit Macht anzuwenden, läßt vor allem männliche Egos nicht unberührt. Endlich kann so ein Typ sich nämlich auch mal stark fühlen, ist er sonst in seinem Alltag nur ein Hans-Wurst, wie jeder andere auch. In seiner Position innerhalb dieses Staates kann er nun auch mal "jemand sein". Vor allem die jüngeren Männer strahlen das aus.


Diesen Leuten will ich um keinen Preis in die Quere kommen. Ich bin deswegen auch heilfroh, daß dieser Blog keine große Reichweite hat, weil ich damit auch für dieses System völlig uninteressant bin. Die würden auch gar nicht verstehen, was ich hier mitzuteilen versuche, obwohl das für sie eigentlich die größte Gefahr darstellt: Der Hinweis auf die Freiheit, die jedem sowieso innewohnt. Die ist nämlich dafür verantwortlich, daß sich kein Regime der Geschichte dauerhaft halten konnte: Weil immer neue, frische, freiheitliche Menschen nachwachsen, konnte auch keine Gehirnwäsche auf Ewigkeit aufgezogen werden. Nie.


Unter dem Aspekt kann sich daher also jeder völlig entspannt zurücklehnen. Dieses Regime wird früher oder später unter seiner eigenen Masse und Aufgeblasenheit kollabieren. Dafür habe ich nicht, und dafür haben auch keine Oppositionellen zu sorgen. Das ändert natürlich nichts daran, daß es mitunter in nächster Zeit sehr unangenehm werden kann, denn an dem Punkt des Kollabierens sind wir noch lange nicht, aber hier ist das Verständnis wichtig, daß das alles nur vorübergehende Phänomene sind, die so oder so irgendwann aufhören werden, genauso wie das eigene Leben. Da gibt es am Ende ja auch, wenn man nicht ganz plötzlich stirbt, Leiden am Alter, an Schmerzen, an Krankheiten. Als normaler Bestandteil des Lebens erkannt, ist damit aber noch lange kein Problem damit verbunden. Klar, ich werde versuchen, dem so gut es geht zu entgehen, aber ganz wird das wohl nie möglich sein. Und so ist auch diese aktuelle äußere Lage zu verstehen: Ich werde natürlich so gut es geht versuchen, da durchzukommen, weiß aber auch, daß es möglicherweise auch keine Auswege gibt.


Das Hauptproblem ist aber noch nichtmal diese Alternativlosigkeit, sondern das Zetern des eigenen Egos, welches sich ja "ein ganz anderes Leben vorstellt". Ich hätte mir natürlich auch ganz andere äußere Umstände gewünscht, als jetzt mit Masken rumzulaufen oder in einem Freiluftknast zu leben, wo der Staat einem, wie früher die Eltern, gestattet, ich dürfe nur um diese Uhrzeiten raus. Auch im privaten Bereich hätte ich mir natürlich auch anderes erhofft, als jetzt alleine zu leben, oder auch intelligentere Menschen in meiner Umgebung gewünscht, die mehr erkennen würden. All diese Dinge sind aber so, wie sie sind, und ich erzeuge mir nur unnötig Leiden, wenn ich damit hadere.


Klar würde es mich freuen, wenn ich eine Partnerin hätte, ich in einer blühenden Kultur leben würde oder im Lotto gewinne, aber was ist, wenn mir all das dann wieder weggenommen wird, weil die Partnerin mich für einen anderen verläßt, die Kultur den Bach runtergeht oder der Lottogewinn sich als Irrtum herausstellt? Wenn es mir dann schlechtgeht, dann ist das doch nicht, weil das neutral betrachet schlecht ist, sondern meine Interpretaion sorgt dafür, daß es mir dann so geht: Ich habe die Erwartung, daß ein erfülltes Leben nur bei Einhaltung meiner Erwartungen möglich ist. Es ist diese Erwartung, die mich leiden läßt, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, und nicht, daß ich diese Dinge im außen nicht habe.


Hier hilft zu sehen: Die eigenen Erwartungen, Gedanken und Wünsche, zählen auch zu der äußeren Situation. Die können als gegeben gesehen werden, brauchen deshalb auch nicht bekämpft oder "wegmeditiert" werden. Wichtig ist, daß ich mir eingestehe, daß ich diese Erwartungen habe, vor allem an meine Mitmenschen.


Ich merke nämlich deutlich Frustration und Enttäuschung, wenn mir jemand damit kommt, daß mich das Hinterfragen der Regierungspolitik zu einem kruden Verschwörungsideologen macht. Ich baue eine Front auf, die wenn ich nicht aufpasse, sogar zu einem Streit führen kann. Hier muß ich erkennen: Der andere ist nicht erreichbar, will nicht sehen, daß seine liebe Regierung ihn belügt. Das kann einfach als Fakt genommen werden. Daß ich dieses Verhalten völlig dumm halte, kann ich aber auch als Fakt nehmen, und muß ich mir deswegen auch nicht durch positives Denken verbieten. Es ist völlig Ok so zu empfinden. Das Problem ist nur da, wenn ich versuche, etwas zu ändern, was nicht zu ändern ist, z. B. die Überzeugung des anderen. Das ist dann nämlich kein Sehen des Ist-Zustand, sondern ein Änderungswunsch, und der läßt erst leiden, mich frustriert und enttäuscht zurücklassen.


Der Ist-Zustand selber, das Sich-so-fühlen, wie ich mich eben fühle, erzeugt das nicht. Da fließt ein Eindruck, auch ein eher als unangenehm empfundener, relativ kurz durch und belastet nicht.


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