Die fabelhafte Welt der Amelie

Ich mache das normalerweise nie, aber letztens habe ich einen Film zweimal hintereinander angesehen, weil ich beim ersten Schauen vieles gar nicht erfassen konnte: Die fabelhafte Welt der Amelie.


Erst beim zweiten Ansehen fiel mir auf, wie sich manche Geschichten auflösten, z. B. daß ihr Vater dann doch auf Reisen ging, daß sie dem bösen Gemüsehandel-Inhaber die ganzen Streiche spielte oder daß sie den verschollenen Brief an die Nachbarin verfaßte. Beim ersten Ansehen habe ich da irgendwie gepennt.


Ich könnte diesen Film den Rest meiner Tage ansehen, denn er enthält im Grunde die Essenz dessen, was ein Leben wertvoll macht: Es ist, inwieweit jemand bereit ist, sich dem Leben zu öffnen und als Gebender, nicht als Saugender, zu wirken. Das heißt, ich spiegle jenen in meinem Umfeld genau das, was sie verdient haben: Ein böser Mensch kriegt auch Verachtung zurück, ein gutherziger Mensch bekommt Gesten der Zuneigung bis hin zu Liebe. Und zwar, weil es einem selber gut tut, nicht um "anderen zu helfen", wie die Christenmoral gerne postuliert.


Ich könnte auch jetzt nicht speziell sagen, was mir an diesem Film so gefällt. Die gesamte Atmosphäre liefert mir hier etwas Nährendes.


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Auch angesichts des momentanen gesellschaftlichen Klimas ist das wie eine Offenbarung. Da ist nämlich sowas wie Freundschaft und Liebe schon lange Verschütt gegangen. Da wird jeder Abweichler als Spinner behandelt, der gefälligst seinen Mund halten soll. Dominieren tun grausame Charaktere, die sich einfach nur an der Mehrheit und an der Macht orientieren, die sich durch Gewalt und Zwang stabilisiert.


In einem Privatchat schrieb ich letztens, weil jetzt vermeintlich viele Deutsche doch irgendwie Weihnachten feiern bzw. Firmen Weihnachtsfeiern abhalten wollen: Wegen was ist den Ungehorsam überhaupt nötig? Wegen Micky-Maus? Wegen einem Staat, der uns ja so toll liebt?


Die Antwort sollte klar sein. Da, wo Straf- und Gewaltanwendung bei Nicht-Einhaltung droht, ist die Freiheit im Keim zerstört. Und mit ihr alles, was das Leben wertvoll, schön und liebenswert macht.


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Heute kam mir noch die Eingebung, was mich an den Bildern dieses Films so berührt hat:


Es ist vor allem die Reichhaltigkeit des Innenlebens des Hauptcharakters, der jungen Frau, die mich so anspricht. Die ungemeine Kreativität, Fantasie, der Gefühlsreichtum und die Fähigkeit, sich in andere Lebewesen hineinversetzen zu können, ihnen wirklich zuhören zu können, die so normal und unscheinbar wirkt, in Wahrheit jedoch eine ungemein seltene Gabe ist, die die meisten schon in frühster Kindheit verlieren.


Besonders die junge Frau, die den Charakter spielt, bringt so etwas herüber, was ich in Frauen, die mich hierzulande umgeben, bisher vergeblich suche. Es ist dieses zarte, leicht verletzbare, und daher sehr zaghaft und schüchterne Auftreten, was mir hier unter die Haut geht. Diese Zerbrechlichkeit, die ganz Behutsam behandelt gehört, weil sie so wertvoll ist.


Im selben Moment finde ich auch wieder zu diesen Qualitäten zurück, und kann sie für mein Leben erschließen.