Diagramm: Stadien



Stadium 1: Das Neugeborene ist authentisch und unbelastet. Es wird aber in eine Umgebung eingebettet, die dieses Wesen mit Konzepten, Moral, Weltanschauungen, Normdenkweisen und Lebensentwürfen regelrecht bombardiert. Es gibt keine Auswegmöglichkeit.


Stadium 2: Das natürliche Wesen bleibt bis zu einem Alter von etwa 8-9 die dominante Kraft, ehe spätestens dann mit der Schule und den Medien, wenn schon nicht mit der Familie, die Fremdsuggestionen Überhand nehmen, das Wesen gebrochen und korrumpiert wird. Gewünschte Eigenschaften werden belohnt, unerwünschte bestraft. Die Persönlichkeit gewinnt an Dominanz.


Stadium 3: Hier hängen - manche mehr, manche weniger - über 99% der Mitmenschen. Es wird praktisch nur noch das nachgeplappert, was schon Millionen vorher vorgekaut haben. Das natürliche Wesen ist praktisch verkümmert, mit Glück noch auf dem Stand von 8-9 Jahren. Der Innere Dialog, wie auch so gut wie alle Interaktionen mit Menschen bestätigen dieses alte Denken. "Weil alle das so denken und machen, kann es ja nicht falsch sein." Das bleibt bei den meisten bis zum Lebensende, denn die Angst aus der Herde zu fallen, ist tiefgreifender als die Angst des Körpers zu sterben.


Stadium 4: Die eigene Wahrnehmung in dieser Echokammer des "Bla bla" wird erkannt. Glaube und blinde Übernahme werden durch Hinterfragen und Forschergeist ersetzt. Es beginnt eine Suche nach der Wahrheit, nach der Rolle in dieser zunehmend als verrückt empfundenen Inszenierung, da so vieles überhaupt keinen Sinn macht, Menschen völlig unlogisch und widersprüchlich handeln. Auch die eigene Falschheit, das eigene "Bla bla" (was aber eben meist nicht das Eigene, sondern das in einen programmierte "Bla bla") wird unter die Lupe genommen.


Stadium 5: Glaube und Fremdeinflüsterungen, werden durch direktes Wissen und Selbsterkenntnis ersetzt. Nur das, was der eigenen Verifikation standhält, zählt. In dem Moment findet ein endgültiges Herausfallen aus der Herde statt, die das nicht einmal ansatzweise nachvollziehen können wird, da dieser Vorgang völlig individuell ist. Nur jemand, der das genauso von sich kennt, wird das verstehen können. Es findet eine Gründung in Gewißheit statt.


Castaneda hierzu in "Begegnungen mit dem Nagual" von Armando Torres, S. 83-88:

"Wir wurden aus der Stille geboren und werden dorthin zurückkehren. Was uns vergiftet, sind all die überflüssigen Vorstellungen, die durch uns hindurchsickern, weil der kollektive Lebensstil es uns so vorschreibt.


Unsere Verwandten, die Primaten, haben tief verwurzelte soziale Gewohnheiten, die das Ziel verfolgen, Spannungen in der Gruppe zu reduzieren. So verbringen sie zum Beispiel viel Zeit mit gegenseitigen Liebkosungen; sie beschnüffeln sich und suchen sich gegenseitig die Läuse aus dem Fell.


Dies sind genetisch bedingte Verhaltensweisen, die sich nicht beseitigen lassen. Sie sind in jedem von uns vorhanden, in mir und in euch. Die Menschen haben gelernt, diese Primaten-Gewohnheiten durch den Austausch von Worten zu ersetzen. Immer, wenn sich die Gelegenheit bietet, beruhigen wir uns gegenseitig dadurch, daß wir über irgendetwas reden. Nach Jahrtausenden des Zusammenlebens haben wir diesen Austausch der Worte bis zu einem Punkt verinnerlicht, daß wir immerzu mit uns selbst reden, sowohl im Wach- als auch im Schlafzustand.


Don Juan hat immer wieder darauf hingewiesen, daß wir Raubtiere sind, die durch Domestizierung in Grasfresser verwandelt wurden. Wir verbringen unser Leben damit, eine endlose Liste von Meinungen zu allem und jedem von uns zu geben. Wir empfangen Gedanken in Bündeln; jeder Gedanke verbindet sich mit anderen Gedanken, bis unser ganzer Kopf mit Gedanken vollgestopft ist. Dieser innere Lärm ist vollkommen nutzlos, weil er einzig und allein der Erhöhung des Ego dient.


[...]


Die Technik der Beobachtung - das heißt die Betrachtung der Welt ohne vorgefasste Ideen - funktioniert sehr gut mit den Elementen. Beispielsweise mit Feuer, fließendem Wasser, Wolkenformationen oder dem Sonnenuntergang. Die neuen Seher nannten dies >die Maschine täuschen<, weil es darauf hinausläuft zu lernen, wie man eine neue Beschreibung beabsichtigt.


[...]


Die Welt eines Kriegers ist eines der einsamsten Dinge, die es gibt. Selbst wenn sich einige Lehrlinge zusammenschließen, um gemeinsam auf dem Weg der Kraft zu reisen, weiß jeder von ihnen, daß er allein ist. Er weiß, daß er von den anderen nichts erwarten kann und daß er nicht von ihnen abhängig ist. Er teilt lediglich seinen Weg mit denen, die ihn begleiten.


Um allein zu sein, bedarf es großer Anstrengungen, weil wir nicht gelernt haben, wie man die genetisch bedingte Veranlagung zur Gruppenbildung überwinden kann. Am Anfang wird ein Lehrling durch den Lehrer dazu gezwungen, notfalls durch Tricks. Aber mit der Zeit lernt der Lehrling, das Alleinsein zu genießen. Für Zauberer ist es normal, daß sie in der Einsamkeit der Berge oder in der Wüste Stille suchen. Ebenso leben sie über lange Zeiträume allein."

Zwischen-Anmerkung: Aussagen, wie "große Anstrengungen" oder Bezeichnungen wie "Zauberer" sind immer mit Vorsicht genießen, weil es das sich-zu-entwickeln-meinende, spirituelle Ego, das nach Besonderheit strebt, anspricht, das jedoch mit das größte Gift ist, dem ein Mensch verfallen kann.


Ich rate daher, diese Begriffe zu übergehen, und sich mehr auf die praktisch-sachliche Seite der anderen, weitaus kraftvolleren Aussagen zu konzentrieren.

Jemand bemerkte, daß dies eine "schreckliche Aussicht" sei.


Carlos antwortete: "Schrecklich ist es, unsere Zeit bis ins hohe Alter als heulende Kinder zu verbringen! Es ist eine Ironie unserer heutigen Zeit, daß wir uns trotz zunehmender Kommunikation immer einsamer fühlen. Der normale Mensch führt ein erschütternd einsames Leben. Er sucht Gemeinschaft, kann sich aber selbst nicht finden. Seine Liebe wurde nicht erwidert, seine Träume sind reine Fantasie. Seine natürliche Wißbegier wurde zu einer rein persönlichen Angelegenheit, und geblieben sind ihm nur seine Anhaftungen.


Die Einsamkeit eines Kriegers ist ganz anders. Sie ist wie der Rückzugsort von zwei Liebenden. Ein Ort, an den man sich zurückzieht, um Gedichte für seine Angebetete zu schreiben. Die Liebe eines Kriegers ist überall, weil sie die Erde ist, auf der er für eine kurze Zeit wandert. Wo immer ein Krieger auch hingeht, gibt er sich seiner Liebe hin. Selbstverständlich gibt es Zeiten, in denen er sich von der Welt fernhält; innere Stille erfordert das Alleinsein."

Das habe ich damit gemeint, daß das Entdecken der eigenen Wahrnehmung keine Sache eines Kollektivs ist. Das kann nur jemand für sich tun, selbst wenn andere es auch irgendwo tun. Ja, es ist sicher gut, wenn man das Glück hat eine Gruppe Krieger zu finden, um sich darin zu bestärken, aber die Sache selber kann jeder nur für sich angehen.


Es heißt nun auch nicht, irgendwie von anderen Leuten wegzumüssen. Das ist gar nicht gemeint. Hier im dichtbesiedelten Deutschland ist das sowieso keine Option, und auch gar nicht notwendig. Wir halten uns hier auf, wie alle anderen Mensch auch, verstehen aber im Gegensatz zu diesen, daß unser Leben nicht einfach nur ein perspektivlos Dahindriften ist, sondern eine ganz konkrete Absicht verfolgt.


Zu dieser Absicht macht sich ein Mensch des Stadiums 4 und 5 alles zunutze, was ihm in seiner Zeit zur Verfügung steht, bis hin zu modernster Technik oder komplexer Sprache. Der gesellschaftliche Umstand, selbst die unangenehmste Diktatur, dient ihm hier als Prüfstein, inwieweit er sich noch durch Erwartungen an seine Mitmenschen, selber unfrei macht.