Der Sinn von Worten

Was ist der Sinn von Worten?


Das ist eine Frage, die mich schon länger beschäftigt, und jetzt wieder aktuell wurde, als ich bei M. am Ende dieses Eintrags gelesen habe, daß er irgendwie aufpassen will, daß er mit den Worten nicht zu sehr abdriftet und sich verzettelt.

Auch mir kommt es so vor, daß wenn ich Menschen sprechen höre, oder sonst irgendwo Geschriebenes lese, daß das durchaus zutreffen kann, denn oft steckt auch keine größere Bedeutung hinter den Worten.

Klar, jemand verkauft etwas, bietet ein Produkt auf Ebay an, ein Kundengespräch wird geführt: Da sind Worte durchaus sinnvoll, aber halt nur eben auf dieser alltäglichen Ebene. Und wieviel Prozent dieser Interaktionen des sprachlichen Austausches macht diese Art von Kommunikation aus? 20, 30 Prozent vielleicht? Was ist mit dem Rest? Mir scheint, daß der Rest nur noch Töne sind, die keinerlei Bedeutung haben, nur da sind, damit halt irgendwie der Raum gefüllt wird.


Ich habe das zwar schon mal gebracht, aber hier paßt es nochmal sehr gut was Castaneda in "Begegnungen mit dem Nagual" von Armando Torres, S. 83f, von sich gegeben hat:

"Wir wurden aus der Stille geboren und werden dorthin zurückkehren. Was uns vergiftet, sind all die überflüssigen Vorstellungen, die durch uns hindurchsickern, weil der kollektive Lebensstil es uns so vorschreibt.


Unsere Verwandten, die Primaten, haben tief verwurzelte soziale Gewohnheiten, die das Ziel verfolgen, Spannungen in der Gruppe zu reduzieren. So verbringen sie zum Beispiel viel Zeit mit gegenseitigen Liebkosungen; sie beschnüffeln sich und suchen sich gegenseitig die Läuse aus dem Fell.


Dies sind genetisch bedingte Verhaltensweisen, die sich nicht beseitigen lassen. Sie sind in jedem von uns vorhanden, in mir und in euch. Die Menschen haben gelernt, diese Primaten-Gewohnheiten durch den Austausch von Worten zu ersetzen. Immer, wenn sich die Gelegenheit bietet, beruhigen wir uns gegenseitig dadurch, daß wir über irgendetwas reden. Nach Jahrtausenden des Zusammenlebens haben wir diesen Austausch der Worte bis zu einem Punkt verinnerlicht, daß wir immerzu mit uns selbst reden, sowohl im Wach- als auch im Schlafzustand.


Don Juan hat immer wieder darauf hingewiesen, daß wir Raubtiere sind, die durch Domestizierung in Grasfresser verwandelt wurden. Wir verbringen unser Leben damit, eine endlose Liste von Meinungen zu allem und jedem von uns zu geben. Wir empfangen Gedanken in Bündeln; jeder Gedanke verbindet sich mit anderen Gedanken, bis unser ganzer Kopf mit Gedanken vollgestopft ist. Dieser innere Lärm ist vollkommen nutzlos, weil er einzig und allein der Erhöhung des Ego dient."

Worte begleiten uns tatsächlich fast jede Sekunde des Tages. Dann zu sagen: Das ist alles nur Philosophie und damit abzuwerten, was da abläuft, halte ich für einen schwerwiegenden Fehler. Das eigene Denken ist nichts, was ich als abstoßend von mir weise, denn damit beraube ich mich doch eines entscheidenden Werkzeugs für meine Befreiung!


Wie ich gestern beschrieben habe sind wir Menschen unserer Natur nach durchaus Tiere, die einfach im Hier und Jetzt verankert sind, doch haben wir durch Sprache die Möglichkeit auch höchst genau kommunizieren zu können, was in uns vorgeht. Durch Körpersprache und Mimik ist zwar auch schon sehr viel zu sagen, aber Worte können nicht nur durch Wortwahl, sondern auch durch Stimmlage, Akzentuierung und Tonfall so präzise wie kaum etwas anderes eine Verbindung mit der Welt ermöglichen, die eigene Ego-Schale aufbrechen.


Womit ich schon bei der Bedeutung bin: Der eigentliche Sinn ist die Heilung oder Befreiung vom Ego. Ein Mensch, der von dieser Bedeutung weiß, und sie als Knackpunkt aller Probleme erkannt hat, wird all seine Energie, jedes Wort, ob gesprochen oder geschrieben, dieser Antwort widmen. Die Worte sind dann Ausdruck seines Seins. Da gibt es keine sinnlosen, überflüssigen Worte, kein Geschwätz und kein Gelaber!


Natürlich ist dann nicht gesagt, daß zeitweise auch ein Abdriften in Irrwege möglich ist, man mal was Dummes oder Falsches sagt. Das Ding ist nur: Wenn ich innerlich bei dieser klaren Orientierung bin, dann brauche ich doch nicht ständig zweifeln und rumüberlegen. Die Worte folgen dann nämlich dieser Orientierung! Sie dienen. Die Worte müssen dann nichts künstlich erzeugen, wie das bei Weltanschauungen und Ideologien der Fall ist. Da sollen Worte nämlich ein Gedankengebäude stabilisieren, welches sonst in sich zusammenfallen würde - was ja auch der Grund ist, wieso Menschen sich ständig ablenken müssen: Weil dann das gängige Weltbild nicht mehr haltbar wäre. So jemandem würde ich durchaus erstmal eine Schweigekur empfehlen.


Worte jedoch, die den Sinn haben die Egostabilisierung zu lösen, wirken dagegen eher wie Knotenlöser: Sie helfen einem dabei, das Problem zu lösen, ähnlich wie ja auch sonst im Geldberuf Worte dabei helfen, Arbeiten voranzubringen, sie zum Erfolg zu führen. Da würde aber auch keiner sagen: Halt doch mal endlich die Klappe! So ein Mensch wäre doch nicht ernstzunehmen. Und so ist es auch beim Ego-Thema so, daß dieses Die-Klappe-Halten letztlich nur eine Sabotage sein soll, die den Erfolg einer Aktivität behindern soll. Besonders dieses "Sich selber den Mund verbieten, weil das ja eh nur Worte sind." bei einem selber. Tolle Erkenntnis. Am besten man begräbt sich also gleich selber.


"Was du da von dir gibst ist doch eh alles nur Geschwätz. Ich bin schließlich jemand, der was macht.", heißt es dann gerne. Nur was wird gemacht? Melke ich eine Kuh? Repariere ich ein Fahrrad? Gehe ich laufen? Wische ich meine Wohnung durch? Natürlich nehmen einem die Worte nicht solche alltagspraktischen Verrichtungen ab, die jeder verantwortliche Mensch anzugehen hat. Aber ohne Worte kann ich mir nie den Sinn klarmachen, was dieses Leben mit seinen Verrichtungen überhaupt für mich zu bedeuten hat. Was uns Menschen nämlich vom Tier unterscheidet ist, daß wir nicht einfach nur den ganzen Tag auf der Koppel stehen und Gras fressen, sondern uns eben mit genau diesen Fragen beschäftigen können, was diese Existenz eigentlich für uns bedeuten soll, was uns wirklich wichtig ist. Denn wenn ich einfach nur meinen Alltag lebe, passiert das nämlich nicht! Wer meint, das würde schon von alleine passieren, der macht sich doch nur gewaltig was vor. Es ist ein Energieeinsatz nötig, den Dingen wirklich auf den Grund zugehen, mich auf eine gewisse Art sogar hinzugeben, denn nur an dem Punkt geht es dann in die Tiefe. Eine Kritik an Worten ersetzt doch gar nicht diese Auseinandersetzung, die sicherlich nicht so auf sich aufmerksam macht, wie wenn ich mit der Kettensäge einen Baum fälle, aber dennoch von der Intensität und Priorität her diese Aufgabe um Längen übertrifft.


Mir scheint, daß besonders auch Leute aus eher handwerklich veranlagten Familien und Berufen auf eher geistige Arbeiten herablassend herabschauen, denn da scheint ja erstmal gar nichts zu passieren. Wie mein Vater gerne meinte: "Ha, der hat ja eine Brille, sitzt wohl zuviel vorm PC", oder "Schau mal wie dünn der ist, der hat ja kaum Muskeln, wie peinlich. Der macht ja nichts Gescheides." Zum Glück durchschaue ich nun diese pseudomännliche Fassade, die letztlich nur die Kürze des eigenen Penis kompensieren soll. Diese Menschen leben in einer völlig oberflächlichen, materialistischen, von den alten Naturwissenschaften vollkommen verkorksten Weltsicht, die nicht mal einen blassen Schimmer davon haben, was es bedeutet wirklich tieferzuschürfen, einer brennenden Frage so lange nachzugehen, bis auch eine echte Antwort gefunden wurde, hartnäckig zu sein, penetrant so lange weiterzugraben, nicht nachzugeben, dranzubleiben, bis etwas klar ist! So etwas kennen die doch gar nicht. Sie sind zerstreut, hohl und leer.


Der Geist des Menschen ist richtig angewandt wie ein Laser, der Ketten sprengt, die gefangen halten. Nur wer diesem mächtigen Werkzeug nicht gewachsen ist, versteckt sich mit Kritik daran, und kann dann bißchen Material von A nach B schaffen, wo ja der angebliche Sinn verborgen scheint. Oder wer weiß, vielleicht gräbt man bißchen in der Erde und findet dann den Stein der Weisen? Dann brauche ich ja auch kein Denken.


Klar, die Schulen und Unis verursachen da genauso einen Riesenschaden, in dem die Schüler mit lauter Theorie und totem Wissen ohne Praxisbezug vollgestopft werden. Auch mir haben sie die Lust an Worten, am Schreiben, am Forschen längere Zeit ordentlich vergällt. Die Kraft die Worte dennoch transportieren, können die aber trotzdem nicht schmälern. Die Kraft, die zwischen den Zeilen herrscht, die eine ganz konkrete Absicht verfolgt: Frei zu werden, vom inneren Tyrannen, dem Ich, was ja angeblich alles schon weiß und verstanden hat. Was nur noch sich selber bestätigen will, aber ja keine Rückmeldung mehr möchte, wo aber Worte dann scheinbar doch weit mehr Gewicht haben, als zugegeben wird.


Nein, nein, diese Sprache wurde mir an die Hand gegeben und ich nutze sie. Mir ist klar, was ich mit ihr zu tun habe. Was andere damit anfangen, das sei denen überlassen, aber ich bezweifle, daß sich das groß von dem unterscheidet, was Don Juan da als soziales Ritual beschrieben hat: Letztlich ein sich-im-Kreise-drehender Schwall von Geräuschen.


Die einzig entscheidende Frage ist, ob jemand da raus will, oder sein Leben lang dieser programmierte Automat bleiben will, der nur die Wortbedeutungen von sich geben kann, die in ihn eingegeben wurden. Das sind die Optionen.









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