Der eigene Verstand ist der Übeltäter

Heute fiel mir das auf, beim Aufschnappen einer Überschrift auf der Titelseite einer kostenlosen Lokalzeitung im Briefkasten (die stecken die immer rein, auch wenn ich eigentlich „Keine Werbung und Zeitung!“ hingeschrieben habe). Jedenfalls wurde da angemerkt, die Notfalleinsätze 2021 wären im Gegensatz zu 2020 um 8% gestiegen, was aber mit Corona begründet wurde, natürlich nicht mit der Gentherapie, die ja Ende 2020 begann und 2021 durchlief.


In dem Moment habe ich bei mir gemerkt, wie sofort der Verstand einrastet mit Bemerkungen, wie dumm diese Leute sind, daß sie das Offensichtliche nicht sehen wollen, wie schlau im Gegensatz dazu ich bin, der das ja schon letztes Jahr vermutet hat und wie wichtig es wäre, daß jeder davon erfahren sollte, damit jeder sieht, wie intelligent ich bin, und wie falsch alles andere ist bzw. alle anderen sind.


Es mag ja sein, daß ich sogar Recht habe und der Anstieg der Einsätze um 8% wirklich mit der Gentherapie zusammenhängt. Ich vermute das. Der Punkt ist nur: Was ändert das nun konkret für mich? Was bringt diese Information nun, selbst wenn sie wahr ist? Was habe ich damit zu schaffen, wenn sie wahr wäre? Würde das auch nur einen Hauch an meiner Situation ändern, geschweige denn an der politischen Situation, die sowieso so läuft, wie sie zu laufen hat? All diese Fragen laufen auf die klare Antwort hin: Es hat nicht einmal ansatzweise etwas mit mir zu tun.


Das Einzige was da passiert, ist, daß sich der Verstand wie ein verhungernder Hund auf jeden billigen Knochen stürzt, den er zu greifen bekommt. Jedes Thema ist da Recht und Politik ist da der heißeste Köder, weil es da ja um Weltbewegendes geht, „was alle bewegt“ und ist deshalb so aufgeladen. Und da habe ich natürlich total das Recht mich schlecht zu fühlen, denn schließlich ist da alles ungerecht und falsch und verlogen! Also kann ich ja quasi gar nicht anders (mache ich mich vor). Das Sich-Verlieren passiert vor allem über die Augen, über etwas zum Lesen, Schrift, auch bei so Zeitungskästen oder bei Seiten im Web, was zum Glück aber deutlich weniger geworden ist, da ich so gut wie alles deabonniert habe. Der Punkt ist nämlich tatsächlich, daß wenn die Aufmerksamkeit eine Millisekunde darauf ist, im Verstand sofort eine Lawine ins Rollen kommt und alles in mir davon in Beschlag genommen wird. Ich reagiere dann nur noch, bin Trabant, weggetreten und nicht die Mitte meiner Wirklichkeit.


Sicher sind die politischen Fakten da und nicht zu ignorieren, das merke ich spätestens in einem Ladengeschäft, aber aus meiner Warte ist der passende Umgang mit diesen Bedingungen eine rein praktische Angelegenheit in bestimmten Situationen, die völlig ohne Denken abläuft. Der Verstand hat da gar nichts Sinnvolles beizutragen. Jetzt habe ich z. B. gar kein Problem mit irgendeiner Diktatur. Warum sollte ich mir also darüber Gedanken machen? Wozu? Um mich zu beschäftigen, um mich schlecht zu fühlen? Was für einen Sinn hätte das denn?


Das Sich-Echauffieren und Sich-Aufregen ist immer schon ein Zeichen dafür, daß da etwas schief läuft. Damit wurde keine Ungerechtigkeit auf der Welt jemals bereinigt. Ganz im Gegenteil: Durch den Unmut entsteht nur noch mehr Leiden, erst in mir, und auf ein ganzes Land bezogen, wenn die große Masse ihrem Verstand auf den Leim geht, so geht die gesamte Kultur zugrunde, wie wir das momentan leider sehen. Das geht aber nur, weil die Menschen neben sich stehen und praktisch alle, so wie ich es von mir beschrieben habe, ablenken und damit aus ihrer Zufriedenheit ziehen. Und zwar ohne, daß sie ein Regime dazu zwingen würde.