Zu "Das Lauern"


Ich nehme das interne Audio von G. als Anlaß, "Das Lauern". Ich bin dankbar, daß er dieses Thema aufgegriffen hat. "Das Lauern" beschreibt es schon ziemlich genau, und es ist etwas, was mir auch fast jeden Tag begegnet, vor allem in der Öffentlichkeit.

Es läuft so ab: Gesehen wird eine einigermaßen interessante Frau z. B. im Supermarkt, auf der Straße, in Bus oder Bahn. Die Aufmerksamkeit bündelt sich nun auf sie, selbst wenn die Sinne wie Augen gar nicht auf sie gerichtet sind, so bleibt doch ein Teil des Fokus bei ihr und der Energie, die sie auslöst.

Versuche das zu stoppen erweisen sich als Kampf gegen Windmühlen. Was neu ist, daß ist zu sehen, daß der Verstand es nicht mehr schafft einzureden, ich müsse irgendetwas machen. Ab und an möchte dieses Muster wieder ablaufen, aber es wird gesehen und verwirft sich von selber. Dafür bin ich sehr froh, weil es schon mal einen großen Teil unnötige Quälerei nicht mehr aufkommen läßt.

Es wird aber alles nicht neutral bewertet. Wie gesagt wird die Aufmerksamkeit regelrecht eingefangen, komplett eingenommen. Selbstverlust bzw. Verlust der Präsenz findet statt, und geht in Gedanken. An dem Punkt bin ich auch noch nicht weiter gekommen. Es ist jedenfalls nicht schön, weil es wie eine Geburtstagstorte wirkt, die einem vor die Nase gehalten wird, die man vielleicht sieht oder riecht, aber ein Stück probieren, den Geschmack testen, das bleibt verwehrt.

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Zufällig gerade beim Laufen: Eine ältere Frau lief an mir vorbei, wir grüßten uns. Ich hatte überhaupt kein Problem ihr in's Gesicht zu schauen und zurückzugrüßen. Einige Meter weiter kommt mir eine sehr attraktive Blondine meines Alters entgegen. Auch sie grüßt, während ich in dem Moment, in dem wir uns am nächsten sind, instinktiv wegschaue, und nur nuschelnd grüße, so als hätte ich meine Zunge verschluckt.

Nun war das ein schneller Moment, ziemlich zügig liefen wir aneinander vorbei. Nur sind Situation, wo man für länger im selben Raum ist, noch aufwühlender. Da entsteht viel mehr ein Belauern, ein Achten darauf, wo sie steht, wie ich unauffällig in ihre Nähe komme, im Supermarkt so stehe, daß sie mich vielleicht auch sehen kann, solche Dinge. Ich meine, wenn ich das so lese, so komme ich mir wirklich "creepy" vor, wie es im Englischen so schön heißt. Es grenzt schon an Stalking, der nächste Schritt wäre, ihr durch die Straßen, bis zur Haustür zu folgen und sie dann im Fenster zu beobachten, das alles natürlich nur mit dem Gedanken, damit sie die Chance erhält mich doch noch wahrzunehmen, man weiß ja nie, nicht? Wirklich unheimlich.

Ich muß wirklich schauen, woher das kommt. In der Grundschulklasse der 4. Klasse weiß ich noch, wie schwer ich mich tat, einem anderen Mädchen in's Gesicht zu schauen. Ich wurde immer total rot, und ich glaube nicht, daß andere das genauso erlebt haben. Selbst wenn eine nur einen Vortrag vor der Klasse hielt, so konnte ich sie nicht anschauen. Eine Klassenkameradin hatte eine ganz besondere Faszination in mir ausgelöst, etwas, was gemeinhin als Verliebtheit bezeichnet wird. Ich konnte sie aber nie anschauen, geschweige denn mit ihr sprechen. In meiner Erinnerung habe ich nicht einmal ein Wort mit ihr ausgetauscht, und doch war ich sehr angetan von ihr. Es ist eine rein passive Bewunderung gewesen, und auch in der 5. Klasse entwickelte sich dieses Muster an der Realschule mit einer anderen Mitschülerin. Andere Jungs hatten direkten Kontakt mit diesen Mädchen, auch wenn es nur Streiche spielen war, oder kurze Wortgefechte, aber bei mir war immer nur ein im Hintergrund stehen und wie im Bann sein, völlig ohne Involvierung. Ich wette, daß diese Mitschülerinnen nicht mal ahnten, was ich da empfunden habe, geschweige denn meine Existenz überhaupt wahrgenommen haben.

Lustigerweise zeigten die Spider-Man-Filme, die ich gestern und vorgestern ansah, und im gestrigen Audio beschrieb, genau dieses Muster. Der unscheinbare Peter Parker, der total unbemerkt seine Faszination hat für das Nachbarsmädchen. Am Anfang des Films ohne jegliche Kontaktchance, ist es natürlich schön zu sehen, wie sich das nach und nach ändert, aber diese Erfahrung kenne ich nicht. Ich kenne nur diese passive, ja eigentlich schon impotente, Bewunderung ohne Resonanz. Das mal so als Faktenschilderung.


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