Ein paar Gedanken


Wille

Etwas wollen. Im spirituellen Bereich heißt es gerne, daß Wollen immer aus dem Ego kommt, daß Begehren und Verlangen einen von den wesentlichen Augenmerken ablenken. Etwas, was mich bisher genauso beeinflußt hat. Ist ja auch eine östliche, sehr buddhistische Denkweise. Schweigen ist gut, Bescheidenheit auch, am besten den ganzen Tag meditieren und sich zurücknehmen.

Wille ist sehr wohl wichtig. Aber auf eine andere Art als wir es gewohnt sind, wie: Ich nehme mir jetzt was vor und setze mich durch, als Vorsatz, den man durchdrückt. Was ich sehe: Wille ist immer aktiv, da muß nichts gedrückt und krampfhaft gemacht werden.

Lenke ich mich ab, so will ich das in dem Moment. Keine Ausreden. Will ich das wirklich nicht, so habe ich die volle Kraft und Entschlossenheit auf meiner Seite, und nichts auf der Welt wird mich daran hindern, daran etwas zu ändern. Seien es Internetspielereien, sei es Süßigkeiten, Chips essen, Fernsehen schauen, Rauchen, alle Banalitäten. Es ist dann nämlich auch kein Verzicht, sondern ein rein positiver Akt, der belebt und in einen neuen, freieren Bereich führt.

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Bleiben

Ich sitze nun seit einigen Monaten jeden Morgen für eine halbe Stunde einfach so auf der Couch. Und es ist immer wieder interessant: Gedanken sind wirklich immer beschäftigt, es geht um Job, Geld, Familie, Frauen, aber alles ohne letztlich finale Lösung oder Erkenntnis. Es wird einfach gewälzt und reflektiert. Und ja, man ist scheinbar immer nur kurz vor dem Durchbruch. Der perfekte Gedanke, der perfekte Aha-Moment, sie sind nur einen Schritt entfernt.

Die Erfahrung ist aber: Humbug. Nichts passiert. Und das ist die Antwort. Ich sage, wenn du einfach so sitzen kannst, ohne etwas zu brauchen, sei es ein Suggorat von außen, ein Konsumeindruck, oder auch nur eine besondere Erfahrung oder auch Kopferkenntnis, dann bist du absolut fertig. Und zwar nicht fertig, im Sinne von K.O., sondern du bist damit am maximalen Punkt der Freiheit angelangt. Mehr ist nicht. Und von diesem freien Punkt kannst du dann hinaus gehen, in den Alltag.

Der Alltag, was ist das überhaupt? Ein schreckliches, monotones, langweiliges Vor-sich-hinleben, das wird darunter verstanden. Es gleicht aber mehr einem Abenteuerspielplatz mit unendlich vielen Möglichkeiten von Tätigkeiten, menschlichen Interaktionen und Eindrücken, die für dich immer wieder neue Aufschlüsse bereit halten.

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Der Lebenssinn-Betrug

Frauen und der Lebenssinn-Betrug: Frauen, die ich in der Stadt sehe, kommen mir total betrogen vor. Von dieser Gesellschaft, die ihnen z. B. einredet, Kinder wären der Sinn des Lebens. Und dann kutschieren sie diese in den Kinderwägen, und wirken selber total ausgelaugt und fad. Sex und das ganze Geschlechterspiel schienen so vielversprechend, und nun das?

Wo ist denn nun das große Glück, was mir überall versprochen wurde, von der Familie, von Medien, von allen, die hier sonst so das leben, was normal erscheint? Die Kinder sind zwar nett, schreien hier und da, sind manchmal frech, manchmal brav, da ist man auch beschäftigt, tag ein, tag aus, aber irgendwie kommen mir diese Frauen trotzdem betrogen vor. Das lese ich aus den Gesichtern.

Ich sage nicht, daß es falsch ist, Kinder zu bekommen, sich da zu engagieren. Ich würde das selber auch als bereichernd empfinden, aber aus dem Grund, weil ich da etwas zu geben hätte. Ich würde nicht nur für mich leben, sondern mein Plus an Energie auch noch einsetzen können. Aber der Sinn würden in mir entstehen.

Die Kinder alleine könnten mir nichts geben. Ich meine, entweder sie stören mich, oder es macht Spaß mit ihnen zu tun haben. Diese zwei Polaritäten gibt es. Beides sind jedoch reine Effekte ohne Bedeutung. Bedeutung kann nur von mir selber kommen. Und die muß aus mir heraus wachsen, die wird nicht plötzlich durch ein Ereignis von außen kommen.

Es ist ja interessant, ich könnte von heute auf morgen Vater werden. Da kommt dann ein Ettikett drauf auf mich, "Vater". Würde das etwas Neues aus mir machen? Natürlich nicht. Wie denn auch? War ich vorher ein Depp, bleibe ich ein Depp. War ich vorher unsensibel, werde ich auch mit dem neuen Menschen in meinem Lebensumfeld so umgehen. Der bringt das nur heraus, was vorher in mir schon da war.

Ganz logisch betrachtet führt auch die Generationenfolge nirgendwo hin. Kinder bekommen wiederum Kinder, die wiederum werden wieder Eltern, deren Kinder auch usw. usf. Da ist kein tieferer Sinnzusammenhang. Die Natur geht ihren Gang, möchte fortbestehen. Mehr ist da nicht.

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Generationen

Gestern habe ich mir eine kurze Doku angeschaut über Alexander Gerst, den deutschen Astronauten. In einer Aussage meinte er, als er so über der Erde schwebte, daß er sich schämen würde, weil die kommenden Generationen uns bestimmt hassen werden, weil wir unseren Planeten, der so einzigartig ist, so kaputt hinterlassen, mit Umweltverschmutzung, Klimawandel, wie auch immer. Die Faktizität seiner Aussagen möchte ich jetzt gar nicht behandeln, es geht mir eher um ein Gefühl, was er ausgedrückt hat, als er die Erde in ihrer Gesamtheit von oben betrachtet hat.

Was kommende Generationen über "uns" (wer oder was soll das sein?) denken ist mir bereits jetzt völlig klar: Gar nichts. Ich meine, was denke ich jetzt über die Menschen, die im 18. Jahrhundert in den Fabriken gearbeitet haben, und dadurch auch Umweltverschmutzung verursacht haben? Nichts. Die haben gearbeitet, wollten ihre Familien ernähren, möglichst glücklich leben, genau wie heute auch alle, und genau wie alle Menschen der Zukunft. Die Natur wird weiter ihre Balance aufrecht erhalten, so wie sie das mit oder ohne Menschen genauso schon seit zig Jahrtausenden tut. Da passiert nichts Neues.

Es wird Kriege geben, auch hier in Mitteleuropa, so wie es hier schon immer gewesen ist, davon kann man ruhig ausgehen. Zurzeit haben wir das Glück einer friedlicheren Phase, aber nicht durch die One-World-Idee, sondern weil es zufällig gerade so ist. Dafür gibt es andere Phänomene wie Migration, was aber auch geschichtlich betrachtet kein Novum ist.

Die neuen Generationen werden mit denselben Problemen konfrontiert sein, wie alle anderen auch. Und zwar nicht als Kollektiv, sondern als Einzelne. Man ist nicht Teil einer Generation, das ist sicher auch ein Irrtum. Sondern da ist nur die eigene Lebensspanne zu einer bestimmten Epoche. Was vorher passiert ist, hat man so aufgefunden, wie es eben ist, und damit kann man genug arbeiten. Die deutsche Kultur und Sprache z. B. Die ist so. Die Natur auch, die ist auch durch Industrialisierung nicht kaputt gegangen. Deutschland ist z. B. mehr Kulturlandschaft mit viel Agrarfläche. Trotzdem gibt es hier noch Wälder und Flüsse.

Was nach mir passiert, was folgende Generationen über mich denken mögen? Ich gehe mal von mir aus: Wenn ich an frühere Generationen denke, dann muß ich z. B. an die Massen an Menschen denken, die sich haben im Sozialismus abschlachten lassen, da mitgetrottet sind. Das macht aber heute auch fast jeder, weil er dazugehören möchte. Wie gesagt, nichts Neues. Ich denke nicht an die Menschen, die damals nicht ihren Müll getrennt haben, sondern an die, die wirklichen Schaden angerichtet haben, wo wirkliche Zerstörung entstanden ist.

Und das ist etwas, was zukünftige Generationen genauso hier bemängeln würden. Da kann jeder selber schauen, wo hier das Haar in der Suppe ist. Das will ich jetzt nicht vorkauen.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum