Verärgert, Geladen, Erschüttert

Die letzten Tage haben mich ordentlich durchgenudelt. Umzug, aufwühlendes, wechselhaftes Wetter, Ärgernisse rund um den Internetzugang, Spannungen mit anderen Menschen, körperliche Beschlagenheit: Es ist, wie wenn ich gerade total von der Rolle komme.


Ich sehe auch deutlich, wie krass mittlerweile die seelische Verkümmerung der Menschen greift, wie weitreichend die mittlerweile ist, als ich eine junge Frau an der Supermarktkasse mit extrem leer wirkenden Augen antraf. Diesen erschütternden Anblick bei diesem doch sehr zarten Wesen werde ich wohl mein Leben lang nicht mehr vergessen, denn es zeigt, wie seelenzerstörerisch, geradezu mörderisch sich hier alles vollzieht. Die Feinfühligen sind es leider meist, die den unausgegorenen Dreck der anderen ausbaden müssen, die in jeder Gesellschaft jeder Zeit abgestumpft sind.


Die Krise, der Crash, der Krieg oder die Zerstörung muß nicht erst kommen: Sie ist bereits unter uns. Jeder, der die Welt mit offenen Sinnen miterlebt wird bereits jetzt überall sehen, wie verfahren hier die Situation dieser Kultur ist. Es ist nicht nur ein lebenskraftmäßiges Defizit, denn Sex alleine konnte auch in den 70/80ern keine langfristigen Visionen liefern; vor allem sinnstiftend hat diese Gesellschaft keinerlei Orientierung mehr, nichts, wofür es sich noch aufzustehen lohnt. Da ist nur noch der äußere Schein, der hier in Deutschland noch tiptop funktionieren mag, mit schönen Häuschen, pünktlichen Bussen und weitestgehend eingehaltenen Regeln, aber Kathedralen werden hier schon lange nicht gebaut und der leidende Jesus am Kreuz am Wegesrand auf dem Land bietet nichts weiter als Beschämung und Schuldgefühl. Tolle Perspektive oder? Da kann man dann diesen armen Kerl bemitleiden oder bewundern, und dann? Was soll aus einem Mitleiden oder Anhimmeln wachsen?


Das kann ich mir beim Anblick dieser jungen Frau auch sagen. Ich könnte dieser Frau gar nicht helfen. Und da Frauen ja auch einen Großteil der Gesellschaft ausmachen, kann ich auch sagen: Der Gesellschaft kann ich auch nicht helfen. Wie ich sogar meine: Die muß genau das hier jetzt erleben, und in weiten Teilen fehlt mir da auch der Mitleid, da viele Menschen auch nichts anderes verdient haben, wenn ich schon Leute höre, die stolz sagen: „Ich habe mich umpfen lassen.“ Da bestraft sich die Dummheit doch von selber. Ich kann dann nur gucken, nicht genauso da mit reingezogen zu werden.


Was ich jedoch sicher nicht tun werde ist meine Betroffenheit da beizubehalten, wo sie angebracht ist, bei eben feinsinnigeren Charakteren wie dieser anfangs beschriebenen Frau, oder Kindern, die hier für ihre kommenden wohl acht, neun Lebensjahrzehnte bereits jetzt mit den Masken völlig geschädigt werden, nicht mal mehr das grundlegendste menschliche Urvertrauen aufbauen können, da die Mimik und die Kommunikation so sehr mit Füßen getreten wird. Erwachsene wissen ja noch, wie es normal ist, aber die Kinder? Die wachsen in so eine kranke, völlig perverse Umgebung hinein, ohne zu wissen, wie es eigentlich gesund wäre.


Es ist dann natürlich hart zu sehen, daß auch selbst eigene Kinder oder Familienmitglieder praktisch nicht zu retten sind, denn diese Gesellschaft holt die sich, da braucht man sich nichts vormachen, genauso wie sie versucht haben, mich zu holen und meine Lebenskraft abzusaugen. Das Gute ist jedoch: Das, was ich bin, können sie nie, nie, niemals wirklich erwischen, weil es jenseits dieser Erfahrungen liegt, für immer von jeder Form von Idiotie, Identifizierung und Beschränktheit völlig frei bleibt, immer intakt ist, ob Schönes oder Häßliches, ob Beglückendes oder Traumatisches geschieht. Ich bin nämlich nicht in diesem Film, der sich nun langsam zu einem Horrorfilm entwickelt bzw. wie schon gesagt, einer schon ist. Na dann schaue ich mir halt nun eben einen Horrorfilm an, und klar: Als Mensch habe ich hier und da natürlich auch gewisse Befürchtungen, was noch alles eintreten könnte, aber da ist es wichtig sich wieder zurückzuerinnern und zu sehen: "Hey, ich kann doch diesen Menschen mit all seinen Gedanken wahrnehmen, also bin ich das ja nicht." Und je öfter und regelmäßiger das passiert, desto stärker wird diese andere Seite, die mehr Raum gibt, klarer unterscheiden läßt, zwischen dem, was den Körper-Verstand betrifft, und dem, was davon völlig unberührt bleibt. Letzteres ist, wo ich bin, wo jeder ist, mit dem Unterschied, daß manche das wissen, auch in problematischen Situationen, und andere völlig verstrickt und verloren sind, in dem, was die Inder Samsara nennen würden, dem ewigen Kreis der Erscheinungswelt, der sich immer nur wiederholt und wiederholt, wie man ja auch an der Menschheitsgeschichte sieht, die sich im Kern nicht entwickelt, sich die Massendummheit des letzten Jahrhunderts hier ja vor unseren Augen in etwas anderer Form genauso zeigt.


Sich darin als frei zu erkennen, das ist die eigentliche Aufgabe. Ich fürchte nur, daß das Rettungsboot, um von diesem Dampfer zu kommen, bereits am Abfahren ist und kaum noch Plätze frei sind. Wer jetzt noch lange rumüberlegt, hat schlichtweg die Zeichen der Zeit nicht erkannt.