Umgang mit Sexualität

Ganz unabhängig von der Ausnahmesituation momentan, merke ich deutlich wie sich durch den Frühlingseinzug auch meine Libido wieder meldet. Lange hat sie sich weniger deutlich gezeigt, ist eher in den Hintergrund geraten, aber nun scheint es mich mit einer Wucht zu erwischen, was ich vorher so nicht erwartet habe. Da liegt etwas Erotisierendes in der Luft.


Ich habe bisher noch keine wirklich zufriedenstellende Antwort auf das Thema Sexualität für mich gefunden. Geht durch Darüber-nachdenken sowieso nicht. Aber auch durch Erleben scheint das nicht zu passieren, denn ich sehe ja auch andere Paare, die sehr oft aber nicht klarer, zufriedener oder unzufriedener als ich in meiner Situation wirken. Auch wenn ich mir vorstelle: Gut, sie haben ja wenigstens Sex, also zumindest dieses Problem nicht, so ändert das nicht wirklich etwas an der Ausstrahlung (liegt vielleicht auch an der Art des Sex, der ziemlich sicher oft nicht transformierenden Charakter hat, eher wie Porno-Sport abläuft, weniger tantrisch, vertrauensvoll; kann ich aber nicht beweisen).


Jedenfalls, es mag euphorisch sein, wenn man jemanden neu kennenlernt, aber bei den Leuten, die sich schon lange kennen, ist diese Dynamik meist schon lange raus und der normale Alltagstrott hat Einzug gehalten, mit Zusammenleben, Kindern usw. So gesehen ist da also nicht viel Neues zu holen auf Dauer.


Natürlich läßt sich mit derlei Überlegungen die ganze Thematik nicht ganz abhandeln, denn dafür ist die Energie, die da gebündelt ist, einfach viel zu stark und dominant. Es geht aber nicht darum, sie wegzudrängen, zu verleugnen, in selbstauferlegter Askese abzuschalten, sondern nur, sie richtig zu verstehen, nämlich, daß sie eine Naturkraft ist, die ihre Berechtigung hat, jedoch nicht dazu gedacht ist, den Sinn des Lebens zu liefern. Das würde die Sexualität in eine Rolle drängen, die sie einfach nicht ausfüllen kann. Sie kann sicher befruchten, inspirieren, fortsetzen, aber niemals Antworten geben.


Das verstanden, so ändert sich automatisch auch das Verhältnis zu ihr. Es ist einfach nicht mehr das Einzige, was wichtig ist. Es bleibt ein präsentes Thema, klar, ich müßte lügen, wenn da nicht oft eine gewisse Fiebrigkeit und Gier bei mir mitschwingt, aber ich muß mich deswegen auch nicht verurteilen. Es ist einfach so, wäre sogar in gewisser Weise unnatürlich, wenn es nicht so wäre.


Ich muß schon lange überlegen, wann das mit den Frauen für mich wirklich kein Thema war. Zuletzt vielleicht mit 9. Seit dem, nach und nach mehr und mehr, und spätestens mit 16 hat mich die Sache vollkommen in Beschlag genommen und mich bis zu einem gewissen Grad gefesselt. Was habe ich alles für Irrsinn unternommen um aus diesem unfreiwilligen Zölibat zu kommen, irgendwie mit dieser Getriebenheit zurechtzukommen? Schon verrückt. Frauen können sich gar nicht vorstellen, wie sehr einen das zur Weißglut treiben kann, denn als Mann steht man da vor einer unüberwindbaren, hohen Mauer. Klar, da gibt es diverse Angebote zum Kanalisieren, aber sowas wie Bordelle sind für mich keine Option, da es mir nicht einfach nur um Druckabbau geht. Ich funktioniere nicht auf Knopfdruck, ohne persönlichen Kontext.


Diese Mauer ist weiterhin da, sicher, aber ich versuche nicht mehr auf Teufel komm raus diese zu überwinden, oder sie mit Gewalt und Forciertheit zu durchbrechen. Viele Männer scheinen das ja ziemlich erfolgreich zu betreiben, und schaffen es so vielleicht tatsächlich massenhaft Frauen abzuschleppen. Jedoch stellt sich für mich immer mehr die Frage, was das eigentlich soll. Es geht doch im Leben nicht darum, bei Frauen zu landen, sondern vielmehr bei sich zu landen. Und wenn sich Frauen dann dazugesellen wollen, weil sie das ebenso für sich wollen, dann ist doch überhaupt erst ein gemeinsamer Anknüpfungspunkt gefunden. Davor ist das ja nur maschinelles Gemache. Und wenn keine das will, dann macht man es eben nur für sich, davon geht die Welt auch nicht unter.


Natürlich: Das nun als Trick zu nehmen, um die Libido-Fiebrigkeit wegzubekommen, ist nicht möglich. Sie wird weiterhin da sein, sich melden, und Ansprüche stellen. Aber so ist es nun mal im Leben: Es gibt eben Früchte an Bäumen, die sind einfach nicht erreichbar, und sollen wohl auch nie erreichbar sein. Wer sich damit quält, sich das Leben deswegen zur Hölle macht, daß er diese blöde Frucht nicht bekommt, der hat etwas grundsätzlich nicht verstanden.


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