Rationalität und Dankbarkeit zu leben



Letztens erzählte mir jemand seine Gründe, wieso er E-Bike fährt. Er erklärte, daß er nach so und so vielen Kilometern, den Einkaufspreis des Fahrrads mit dem Benzingeld für Auto wieder reingeholt hat. Das Argument an sich mag ja logisch klingen, ist für mich aber nicht alleine der Grund, wieso ich Fahrrad fahre. Das ist mir alles zu verstandesorientiert, zu kalkulierend. Ich merke bei mir immer stärker, wie es mich abstößt, wenn Menschen nach dieser Art Rationalität ihr Leben ausrichten, aus Gedanken Schlußfolgerungen für ihre Lebensweise ziehen. Das ganze Dasein ist dann nur noch eine durchgetaktete Maschinerie, der sich der Mensch dann fügt. Ich empfinde das als tot, unfroh und kalt.


Das mit dem Fahrradfahren zeigt nämlich sehr deutlich, was der eigentliche Kern dieser Aktivität ist: Seitdem ich das nun wieder öfter tue, merke ich, wie sich die Sinne mehr öffnen: Die Gerüche der Umwelt dringen stärker durch, der frische Fahrtwind pustet durch, wirkt dadurch klärend, auch fühle ich mich mehr in meiner Umgebung eingebettet, habe mehr Blickkontakt mit Menschen, wenn ich durch die Stadt fahre, was auch bereichernder ist als ich vorher dachte. Das ganze Freiheitsgefühl beim Fahren generell ist mit nichts zu vergleichen, denn es hat einen unbeschwerten, leichten Charakter. Das nur mal, um die ganzen "irrationalen" Aspekte aufzuzählen, die aber erst eröffnen, was einem diese Sache geben kann. Das Durchrechnen und Geld einsparen wollen ist sicher berechtigt, auch die logischen Aspekte sind notwendig z. B. um das Fahrrad in Schuß zu halten, daß auch die Mechanik ineinandergreift, die Kette, die Bremse, die Gangschaltung funktioniert usw., aber das alleine macht noch nicht die Essenz, den Reiz des Ganzen aus. Das Rationale ist nur ein Teil des Lebens, und nur für bestimmte Vorgänge in Technik und Wissenschaft von Nutzen. Wird jedoch das ganze Leben so angegangen, so verkümmert etwas ganz Wesentliches, wenn nicht sogar das, was überhaupt einen lebendigen Menschen ausmacht.


Mir fällt das z. B. bei so jemandem wie Bill Gates auf, der ja genau so tickt: Alle Menschen müssen geimpft werden, das ist das einzige was zählt. Der Körper ist Beiwerk, der den Befehlen des Kopfes Folge zu leisten hat. In dieser Welt, was ja vor allem so Nerds haben, ist alles kontrollier- und manipulierbar. Da fühlen sie sich sicher. Da gibt es dann auch keine unangenehmen Gefühle oder Stimmungen mehr, sondern alles kann per Knopfdruck (oder eben Impfungen, Tabletten, Therapien) ausgetilgt werden. Objekt A verändert Objekt B und dann ist alles gut. So scheinbar gebildet, intelligent, professorenhaft diese Leute (oder modernen Naturwissenschaftler) wirken, so dermaßen flach und eindimensional ist ihr Verständnis vom Leben. Um das nämlich voll zu verstehen, muß vor allem auch das eigene Menschsein miteinbezogen werden, und das schließt bei weitem nicht nur die eigenen Denkprozesse ein. Ich habe z. B. lange versucht, sowas wie Sexualität als unwichtig und nebensächlich für mich abzutun, nur um zu merken, daß sich die darin gebundene Energie umso mehr zeigt. Da kann ich denken, was ich will, das Thema ist da.


Klar, so ein Rationalist würde dann sagen: Dann besorge dir doch einfach eine Freundin (wenn das so leicht gehen würde, sich "sowas besorgen" wie eine Ware im Supermarkt), und wenn das nicht geht, nehme Tablette X, um das Problem zu lösen. Genau das sollte zeigen, wie krank, herzlos und letztlich menschenverachtend diese ganze Herangehensweise ist. Meist ist es auch einfach: Betäube dich, nehme nichts mehr wahr. Dann hast du natürlich auch keine Probleme mehr, auch nicht mehr Konflikte mit anderen Menschen, in dieser Gesellschaft, fühlst dich auch nicht mehr phasenweise traurig oder frustriert, weil zwischen dir und der Umwelt ein Puffer entstanden ist. Da ist alles cool, es wird gelacht, gespaßt und alles ist heil. Was hast du denn, ist doch alles gut.


Zum Glück merke ich, daß mich mit dieser Art immer weniger verbindet. Da gibt es auch nichts zu kommunizieren, sondern es reicht, wenn ich mir klarmache, was da nicht stimmt, um nicht auf diese scheinbar sehr sichere Art hereinzufallen, und ansonsten dankbar und zufrieden meine restliche Lebenszeit zu bestreiten.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum