Individuelles Bewußtsein ist universell

Diese Aussage steht absolut konträr zu dem, was sich die Menschen sonst im Alltagsleben suggerieren. Dort heißt es nämlich: Du bist nichts, das Kollektiv ist alles. Was kannst Du schon wissen?! Du bist doch nur Privatmensch X, völlig beschränkt und voreingenommen in deinen Sichtweisen. Halte also am besten deinen Mund (oder aktueller: Setze dir den Maulkorb auf), und mache mal nicht einen auf Schlaumeier. Maße dir nicht an, daß du eine Ahnung hättest. Es gibt schließlich Experten und Sachverständige.


Generell: Die Mehrheit wird es schon wissen, denn es können ja unmöglich praktisch alle Leute falsch liegen, oder? Das heißt das Problem mußt offensichtlich ja du sein, weil die Mehrheit hat ja kein Problem bzw. wenn dann nur mit dir eines, weil du das Offenkundige nicht anerkennen willst.


Daß die Mehrheit aber eben nicht unbedingt richtig liegen muß, sieht man an dem aktuellen Wahn, den ich nicht weiter erläutern will, weil es schon zu Genüge passiert ist die letzten Monate. Wer die Fakten immer noch nicht kennt, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Diese Fakten sind aber den meisten Menschen nicht bekannt, wie ich in der Öffentlichkeit immer wieder feststellen muß. Auch mal wohl Wahreres von Bild und Markus Lanz ändern da nichts. Ich gehe davon aus, daß etwa 95% der Mitmenschen die Regierungslinie trotzdem nicht mal im Traum hinterfragen. Einer von etwa zwanzig scheint mit den wahren Fakten eher vertraut zu sein, so meine grobe Einschätzung. Es macht die Fakten aber eben nicht weniger wahr, nur weil 19 von 20 etwas anderes glauben und sich darin gegenseitig bestätigen.


Wer den Film Die zwölf Geschworenen noch nicht kennt, dem sei dringends angeraten, sich von diesem einen gewaltigen Aha-Effekt abzuholen, denn der wartet ganz gewiß auf diejenigen, die meinen, daß die Mehrheit immer richtig liegen muß, der Einzelne nur ein Störfaktor ist, der die Pseudoübereinkunft und -harmonie gefährdet.


Das Gegenteil ist wahr: Nur der Einzelne kann überhaupt erst eine Wahrheit erkennen und im zweiten Schritt für diese eintreten, sie gegenüber einer oft uneinsichtigen, einbetonierten Phalanx von Leuten behaupten, die in ihren Sichtweisen, Überzeugungen und Meinungen völlig festhängen. Wobei das Sich-behaupten kein Kampf ist, sondern ein blankes Zu-dem-stehen, was klar als richtig erkannt wurde.


Es ist vor allem auch ein Empfinden, was manchmal vielleicht auch argumentativ erstmal gar nicht untermauert werden kann. Es reicht hierfür schon oft ein Tonfall einer Person, die etwas behauptet, um zu spüren, daß da etwas nicht stimmen kann. Da sind ganz feine Nuancen entscheidend, die genaue Beobachtungsgabe erfordern, um erkannt zu werden.


Jeder Einzelne von uns muß sich fragen, inwieweit er sich sein Gespür von Wahrheit erhält, denn nur dort ist sie letztlich auch zu finden. Nicht irgendwo da draußen, auch nicht in einer noch so, sich selber als demokratisch und freiheitlich feiernden Gesellschaft. Erst recht ist in so einem Fall Vorsicht geboten, weil sich diese Art Kollektive schnell in Selbstgefälligkeit verlieren, umso weniger Objektivität bewahren können, wenn es um nüchterne Fakten geht. Da ist alles ein Akt der Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit, selbst die diktatorischste, freiheitsfeindlichste und unmenschlichste Maßnahme, um bei dem ungemein beliebten Wort die Tage zu bleiben.


Ich für mich weiß zunehmend, daß meine Wirklichkeit nicht irgendeine Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit als solche ist. Klingt egoistisch, nicht? Aber etwas anderes kenne ich nicht, wenn ich bei meiner Erfahrung bleibe. Ich kann nur daraus schöpfen, was ich selber erlebe. Die objektivistisch-naturwissenschaftliche Interpretation ignoriert diesen Fakt, geht nur von einem Ablauf ohne individuelles Bewußtsein aus, welches sich in einen unendlichen Raum fortentwickelt ohne Aussicht auf irgendetwas, ohne Achse. Daß das falsch ist sieht man schlichtweg daran, daß es ohne einen selber auch diese Theorie gar nicht geben könnte, und sie damit implizit widerlegt wird. Jeder, der aus seiner Perspektive wahrnimmt muß feststellen, daß nur aus dieser etwas verifiziert werden kann. Alles andere ist übernommenes Hörensagen, völlige ohne Grundlage.


In dieser deutschen Gesellschaft erfordert es sehr viel Mut und Kraft, die Scheingeborgenheit des Kollektivs als in Wahrheit gefährlich bis hin zu zerstörerisch zu erkennen, und sich zurück auf das ureigene Gespür und Gewissen zu besinnen. Da ist dann nämlich niemand mehr, den man noch verantwortlich erklären könnte, noch ist da jemand als Überfigur über einem, der einem aus der Patsche hilft. Sicher, im Verstand sind immer noch Stimmen von Eltern, Lehrern, Vorgesetzten oder Autoritätspersonen des Staatsapparats, aber all dem haben wir nur Bedeutung beigemessen, weil es sich in eine bedeutsame, imposante Schale geworfen hat, sich in echt aber als völlig hohl und leer erweist, kein Bezug zu Tatsachen hat. Da kann jemand noch so dominant, in Anzug und Krawatte oder mit Doktortitel auftreten: Wahrer wird das dadurch nicht.


Wahr ist nur Klarheit, und die ist jedem zugänglich, nicht nur bestimmten, ausgewählten Menschen. Klarheit kommt durch Resonanz mit echten Wahrnehmungen, seien sie sinnlich, als Erforschungen in der Natur, oder auch Stimmungen im Innenleben. In dem Moment ist eine Grundlage da, die unerschütterbar ist. Daran sollen sich die anderen ruhig abarbeiten, sagen, wie unberechtigt das wäre, denn alle wissen ja angeblich, wie irrational, dumm oder unstimmig das ist, was da in mir vorgeht. Trotzdem bleibt aber diese Wahrnehmung, selbst wenn die ganze Welt dagegen ist: Die Wahrheit bleibt die Wahrheit. Vor allem die des eigenen Empfindens.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum