Ich lehne diese Gesellschaft nicht ab

Nicht Erwerben, sondern Wegschmeißen ist der höchste Genuß auf Erden.

Nicht Konstruieren, sondern Raum-schaffen gibt dem Geist Klarheit.


Die Sicht so umgekehrt, was will ich eigentlich noch? Wir haben mittlerweile weit mehr, als auch nur annährend nötig wäre. Und damit meine ich nicht nur Gegenstände, sondern Informationen, Daten, Ideen und Vorstellungen, aber auch Verstrickungen, emotionale Bindungen, Lebensideale.


Damit ist klar: Es gibt nicht die eine Sache, die noch fehlt, um dieses Leben komplett zu machen, sondern jeder hat schon ein volles Glas, doch soll es dennoch mehr und mehr vollgeschüttet werden, auch wenn all das, was da rein soll eine Riesensauerei anrichtet.


In Wahrheit paßt schon alles. Das Kernproblem ist, noch zu viel Überflüßiges zu denken, zu tun, zu fühlen, was den vollkommenen Urzustand überlagert, das Glas so oder so nur zum Überfließen bringen würde. (Deswegen liebe ich deutsche Sprache so sehr; an Klarheit ist sie schwer zu toppen!)


Sie sind nicht in einem Körper, der Körper ist in Ihnen. Der Verstand ist in Ihnen. Sie geschehen Ihnen. Sie sind vorhanden, weil Sie sie interessant finden. Ihre wahre Natur hat die unbegrenzte Fähigkeit, sich zu erfreuen. Sie ist voller Begeisterung und Zuneigung.

Sie strahlt auf alles aus, was in das Blickfeld ihres Gewahrseins fällt, und nichts wird ausgeschlossen. Sie kennt weder Böses noch Hässliches, sie hofft, sie vertraut, sie liebt. Ihr Menschen wisst nicht, was Ihr dadurch versäumt, dass Ihr Euer wahres Selbst nicht kennt. Sie sind weder der Körper noch der Verstand, weder der Brennstoff noch das Feuer. Sie erscheinen und vergehen, ihren eigenen Gesetzen folgend. Das was Sie sind, Ihr wahres Selbst, das lieben Sie, und was immer Sie tun, tun Sie für Ihre eigene Glückseligkeit. Das zu finden, zu kennen und es zu hegen, ist Ihr fundamentales Bedürfnis. Sie lieben sich schon seit unendlichen Zeiten, doch nie mit Weisheit. Benutzen Sie Ihren Körper und Ihren Verstand mit Weisheit, im Dienste des Selbst! Das ist alles. Seien Sie ehrlich zu Ihrem Selbst, lieben Sie ihr Selbst total.

Geben Sie nicht vor, andere

zu lieben... wie sich selbst!

Bevor Sie sie nicht als eins mit sich selbst erkannt haben, können Sie sie nicht lieben. Geben Sie nicht vor zu sein, was Sie nicht sind, und wehren Sie sich nicht gegen das was Sie sind. Ihre Liebe für andere ist ein Ergebnis Ihrer Selbsterkenntnis, nicht ihre Ursache. Es gibt keine wirklichen Tugenden ohne die Selbstverwirklichung. Wenn Sie ohne Zweifel wissen, daß das selbe Leben durch alles fließt, was existiert, und daß Sie dieses Leben sind, werden Sie alles auf natürliche und spontane Weise lieben. Wenn Sie die Tiefe und Fülle der Liebe für ihr Selbst erkennen, dann wissen Sie, dass jedes lebendige Wesen und das gesamte Universum in Ihrer Zuneigung eingeschlossen sind. Doch wenn Sie irgendetwas als getrennt von Ihnen sehen, können Sie es nicht lieben, denn es beängstigt Sie. Entfremdung verursacht Angst, und die Angst vertieft die Entfremdung. Es ist ein Teufelskreis. Nur die Selbstverwirklichung kann ihn brechen. Gehen Sie entschlossen auf sie zu.


- Nisargadatta Maharaj


Die Menschen heute sind wie immer klarer zu sehen ist, alle nicht im Selbst, denn sie wollen zurzeit ja ganz besonders helfen. Sie wollen gute Menschen sein, zeigen, wie vorbildlich und rücksichtsvoll sie sind, mit ihren Mäskchen. Doch wie kann aus Selbstschädigung je etwas Gutes erwachsen? Wie kann die Verleugnung grundlegendster Lebensinteraktionen nicht nur des Atmens, sondern des Austausches mit der Umwelt, durch Gesichtsartikulation, Lächeln, Stimmungsschilderungen jedweder Art, auch nur im Entferntesten als Fortschritt deklariert werden? Denn das ist ja die gängige Vorstellung: Daß wir es hier mit der großartigsten Zivilisation aller Zeiten zu tun haben, die in allen Belangen an Mitmenschlichkeit die Überlegenste ist, denn schau an, wie sehr sich ja umeinander gesorgt wird, wieviel für das Weltklima getan wird, wieviel den armen, armen Ausländern geholfen wird usw. usf.


Diesen Heilidealen stehen aber leider nur die Nicht-Befolger im Weg, die den finalen Erfolg dieser Großartigkeit verhindern. Eigentlich volle Gläser, die nun meinen, anderen vollen Gläsern irgendetwas einschenken zu müssen, weil sie ja genau zu wissen meinen, daß diese das bräuchten, zu ihrem eigenen Wohl versteht sich. Es wird etwas z. B. in junge Menschen gegossen, damit sie dann wohlerzogene Bürger werden, die auch ja "das Gute" und bitte nicht "das Schlechte" verfolgen. "Das Schlechte", früher auch "die Sünder", das sind heute die Autofahrer, die Rechten oder die Maskenverweigerer. Das sind eben Menschen, die einfach nicht gelernt haben, also verinnerlicht haben, wie ein besonders "guter Mensch" zu sein hat. Nämlich auf gar keinen Fall egoistisch, und schon gar nicht darf da noch Verlangen oder ein persönlicher Wunsch sein, denn das würde ja zeigen, wie viel Ego so jemand noch hat. Ein Ego, welches "der Gute" ja schon lange ad acta gelegt hat, denn er vertritt ja "das Gute", kann also nur noch richtig handeln, ganz egal, was er tut.


Die Nicht-Befolger sind auch bald die Ompfverweigerer, die eben nicht verstehen, daß für das größere Wohl auch persönliche Abstriche gemacht gehören. Schließlich kann nicht jeder Tun und Lassen, was er will, oder? Wo kämen wir denn dahin?


Der Punkt ist: Diese Leute sind nicht gut, nur weil sie das so postulieren. Es heißt ja: An ihren Früchten sollt ihr sie messen. Und diese Früchte sind bitter, geradezu giftig, denn sie führen rein faktisch zu einer eklatanten Verschlechterung der Lebenslage. Und zwar völlig grundlos, denn hier gibt es keine Gesundheitskrise, womit sogar die angeblichen Positivpunkte dieser Pro-und-Contra-Liste gestrichen werden können.


Menschen, die sich selber nicht kennen, können nur schaden, weil sie etwas im außen wollen, was sie bereits in sich schon haben, aber vergessen haben und damit die Lösung immer an einer falschen Stelle suchen. Und damit erzeugen sie eine Wirklichkeit, die Glück auf eine völlig perverse, sado-masochistische Art und Weise versucht zu finden, in Form von sich selber quälenden Menschen, was so natürlich zu nichts führt außer mehr Leiden. Wie in Kriegen werden Menschen sich gegenseitig bis zum Rand der Vernichtung führen, wo sie sich dann für irgendeinen Hampelmann verstümmeln und massakrieren, und dann vielleicht einen Orden bekommen, was für tolle, mutige Personen sie doch waren.


Es ist grausam mitanzusehen, wie Menschen sich mit solchen billigen Versprechungen abspeisen lassen können, aber genau das tun sie, auch wenn es verrückt ist.


Für mich ist damit aber noch lange keine Abspaltung verbunden, was heißen würde, ich projiziere irgendwelche ungeklärten Ressentiments auf meine Mitmenschen, sondern es heißt nur, daß ich die Lage einfach faktisch so sehe, wie sie ist, wozu auch das Verhalten dieser Menschen gehört. Was verblüfft, manchmal sogar wehtut ist, was diese Menschen da eigentlich aus sich machen, ähnlich wie eine junge, eigentlich sehr attraktive Frau sich völlig überfrißt und dadurch total aufgedunsen wirkt. Es ist einfach unglaublich schade, ein Wegschmeißen von so viel Potential und Lebensfreude, das da vor die Hunde geht, wenn diese Situation des anderen von innen gesehen wird.


Genauso ist es mit dieser Gesellschaft. Ich merke jetzt nämlich, auch wenn ich so oft darüber schreibe, daß ich mich hier keineswegs an ihr abreagiere - keine Ahnung, weil ich da als Person oft verkannt oder fehleingeschätzt wurde - sondern es ist einfach ein Von-Innen-Sehen, was da in all diesen Menschen vor sich geht, was vor allem auch ein Sich-als-Eins-Erkennen bedeutet, eben das, was Maharaj mit:


"Wenn Sie ohne Zweifel wissen, daß das selbe Leben durch alles fließt, was existiert, und daß Sie dieses Leben sind, werden Sie alles auf natürliche und spontane Weise lieben."


meint.


Er nennt das Von-Innen-Sehen hier Liebe, aber damit meint er nicht die Kitschvorstellung, wie die Oma zum Enkel sagt "Ich liebe dich" - was immer noch Trennung ist, da eine Person von einer anderen etwas saugt, Ansprüche erhebt, auch wenn es nur Aufmerksamkeit ist - sondern es ist eben ein Sich-als-eins-Erkennen, im Kern also wirklich zu wollen, daß dieser andere sich verwirklicht, womit meine Person gar nichts zu tun hat (auch bei mir selber nicht).


Damit akzeptiere ich aber nicht das dumme Verhalten. Ich lehne das entschieden ab. Ich sehe nur, daß sich alle diese Menschen, auch die Kritiker, für etwas halten, was sie nicht sind. Dieses Leiden, das diese Menschen dann ausstrahlen, ist nicht immer leicht zu verkraften, denn es ist so unfaßbar unnötig, und kaum in Worten zu beschreiben. Es ist, wie wenn ich meinen Rucksack mit schweren Steinen vollladen würde, und mit dem Herumschleppen all meine Energie verbrauche. Der Anblick von jemanden, der das tut ist mit Absurdität noch harmlos beschrieben. Man könnte das demjenigen auch nie klarmachen, weil derjenige meint das so zu brauchen, weil er das nur so gelernt hat und auch weiter so will.


Ihre und meine Aufgabe vom Leben ist nämlich nicht anderen zu helfen, sondern sich auch wenn die Situation unangenehm ist, sich ihres Lebens in Leichtigkeit zu erfreuen. Keiner muß hier irgendjemanden retten oder aufklären. Das ist nicht dein Job! Klar, es wurde einem so eingeredet, das Christentum trieft nur so davon, aber damit passiert nichts anderes, als sich lebenslang Probleme aufzuhalsen, die gar nicht meine Probleme sind.


Was muß es mich nämlich kümmern, ob da irgendwo jemand krank wird oder stirbt, oder was muß es mich kümmern, wenn jemand zu faul ist, sich über die Lage hier objektiv und wahrheitsgetreu zu informieren? Wieso fühle ich mich da zuständig? Was habe ich damit zu tun?


Wie gesagt: Keinem anderen kann diese Last genommen werden. Ich kann nur schauen, daß ich selber diesen schweren Rucksack ablege und damit für mich selber frei bin. Wer sich dadurch inspiriert fühlt, das auch für sich will, kann es mir ja nachmachen, was schön für ihn wäre, aber eins sollte auch klar sein: Da entsteht kein neuer Mensch, da ist keine neue Philosophie und da ist auch kein ewiges Glück. Das Einzige ist, daß da eine Spritzigkeit, mehr Beweglichkeit, mehr Bewegungsspielraum entstehen könnte, einfach weil nicht mehr dieser Ballast herumgeschleppt werden muß.


Wenn hier in paar Monaten irgendwie alles noch schlimmer wird, sich alles noch mehr entlädt, ich vielleicht sogar geschädigt werde, dann soll es so sein. Ich mache aber sicher nicht den Fehler, mich die ganze Zeit bis dahin selber zu belasten. Wenn es so sein muß, daß ich am Ende ins Gras beiße - was, Moment mal, ja sowieso passiert! - dann ist das doch lange kein Grund mir das Hier und Jetzt zu vermiesen. Und selbst im Schmerz, im Sterben ist es auch nie dauerhaft schrecklich, sondern wie in allen Belangen im Leben balancieren sich angenehme und unangehme Zustände aus, halten sich immer die Waage. Was gibt es also zu befürchten, wenn so oder so, das eintritt, was das Leben so oder so bietet?





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