Die wahre Sicherheit

Mir ist heute beim unterwegs sein durch die typische Lebensumgebung hierzulande aufgefallen, wie sehr hier eigentlich alles auf Sicherheit konzipiert ist. Die Autos, die Verkehrsregulierung, die Bürgersteige, die sichere Bahn, ausfahrbare Stufen, Öffnen der Türe nur beim Leuchten usw. Alles dient dazu, das Leben möglichst ungefährlich und risikofrei zu arrangieren. Hinzu kommen natürlich so Dinge wie staatliche Existenzsicherungs-, sowie die derzeitigen "Maßnahmen" (ich will das Wort schon gar nicht mehr benutzen), die die Gesundheit retten sollen, zumindest offiziell.


Auf mich wirkt das zunehmend wie eine Riesen-Vorgaukelei, weil auf Dauer eigentlich keine Sicherheit garantiert werden kann, weil das Leben für mich und jeden anderen so oder so enden wird, was jeder weiß. Ich meine damit nicht, daß sowas wie Gurte oder Airbags, Ampeln und Verkehrsinseln nicht gute Erfindungen wären. Anstatt jedoch zu meinen, sie würden Leben retten, sollte es eigentlich eher heißen: Leben werden dadurch verlängert. Das wäre korrekter.


Worauf ich hinauswill ist, daß das ganze Gehabe in der Gesellschaft dazu dienen soll den Tod zu verdrängen. Das zeigt sich an, aber nicht nur in diesen Sicherheitsvorkehrungen. Durch dieses hochtechnisierte, bis zur Perfektion getrimmte, Geborgenheit suggerierende Arrangement um uns herum ist der Tod für kaum jemanden von uns Teil unseres Alltags mehr (Notärzte, Krankenschwestern, Rettungskräfte, Bestatter mal abgesehen). Den Tod gibt es nicht mehr. Wir werden damit praktisch so gut wie gar nicht mehr konfrontiert. Umso mehr sind wir schockiert, wenn er mal im näheren Bekanntenkreis eintritt.


Schaut man sich z. B. an, wie Leute in Indien in Zügen oder mit ihren Mopeds fahren, dann fällt auf, daß es da diese ganzen Vorkehrungen gar nicht gibt. Die Menschen sitzen auf den Zugdächern, hängen an den Türen heraus, fahren mit ihren Rikshas einfach in die Kreuzung rein, ohne große Regeln usw. Damit will ich keinesfalls sagen, daß es besser ist, wohl vielmehr dümmer, aber bei dem Vergleich wird halt deutlich, wie sehr hier in Deutschland oder im Westen allgemein Wert auf Sicherheit, Wohlergehen und Aufrechterhaltung des Körpers gelegt wird. Das ist keinesfalls überall so üblich.


Ich finde, man muß sich dadurch auch klarmachen, daß so das Leben auch etwas immens Wichtiges verliert: Die Abenteuerhaftigkeit. Ohne den Tod als eintretbare Option wird alles völlig banal und langweilig. Und so wirken auch die meisten Menschen leider. Da ist die Lebenslust, Spritzigkeit und auch Erotik passè. Mit müden, gelangweilten Gesichtern hinter Masken wird der Alltag angegangen. Es ist schauderhaft und traurig.


Wie komme ich, wie kommst du da raus? Das ist die entscheidende Frage. Es kann hier helfen, sich im Alltag durchaus auch vorzustellen, auf welche Art und Weise einem der Tod demnächst begegnen könnte. Das mag sich wie Masochismus anhören, und ich habe teilweise auch gedacht, daß es doch verrückt ist, weil es bei mir dazu führte, daß ich mir einen Verfolgungswahn zurechtgesponnen habe, aber als Spiel oder Experiment war das doch ganz interessant, weil damit jeder vorher als uninteressant empfundene Schritt nun interessant war. Ich habe mich wieder wie ein Junge gefühlt, der mit wachen Augen seine Umgebung wahrnahm, wachsamer war.


In der Großstadt ist es ja so, daß einem auch viele fremde Menschen begegnen, auch am Bahnsteig und naiverweise gehe ich auch immer davon aus, daß diese Menschen mir wohlgesonnen sind, aber in 80% der Länder dieser Welt wäre es völlig fatal, so blauäugig durch die Welt zu gehen. Es gibt durchaus Menschen, die einem schaden, bedrohen, umschubsen, abstechen, vielleicht sogar umbringen wollen, weil man sie blöd angeguckt hat, oder weil sie dein Geld wollen, spätestens seit der Invasion 2015 auch vermehrt hierzulande. Mir wurde ja auch letztes Jahr meine Uhr geklaut, wo ich wahrscheinlich sogar noch Glück hatte, daß nur das passiert ist, ich nicht noch körperlich bedroht wurde. (Die Toulambi sind, wie ich finde, zu Beginn dieser Aufnahme so zurecht auch mißtrauisch.)


Es gibt neben diesen kruden Gestalten, die in der Öffentlichkeit zu sehen sind, natürlich noch viele weitere mögliche Bedrohungen: Das Auto, das gerade da vorbeifährt, der Zug, der möglichweise entgleisen könnte, der Baum, der umfallen könnte, das Eis, auf dem ich ausrutschen könnte, das Eis, das vom Dach fallen könnte, die Ader im Gehirn, die plötzlich platzen könnte, das Einfach-umfallen, weil ich durch die Maske nicht genug Sauerstoff bekomme usw. Du kannst die Liste gerne weiterführen.


"Du Masochist! Denk' doch nicht an den Tod! Wie kannst du ihn dir so direkt vorstellen! Vergiß das doch! Lebe doch! So verpaßt du doch nur dein Leben!"


Hierzu finde ich folgende Passage aus dem Buch "Begegnungen mit dem Nagual" von Armando Torres, S. 49/50 sehr treffend:

Ein Mädchen warf sichtlich berührt ein, daß die übermäßige Präsenz des Todes den Lehren der Zauberer etwas Dunkles verleihen würde. Sie selbst würde eine optimistische Haltung bevorzugen, die sich mehr am Leben und seinen Vorzügen orientiert.


Carlos (Castaneda) erwiderte lächelnd: "Deine Worte zeugen von mangelnder Lebenserfahrung. Zauberer sind nicht negativ, sie suchen nicht ihr Ende. Aber sie wissen, daß das Leben dadurch seinen Wert erhält, daß man ein Ziel hat, für das man zu sterben bereit ist. Die Zukunft ist unvorhersehbar und unabwendbar. Eines Tages wirst du nicht mehr hier sein, du wirst gegangen sein. Weißt du, daß der Baum für deinen Sarg möglichweise schon gefällt worden ist? (Anm.: Der Satz haut richtig rein!)


Für Krieger wie für Durchschnittsmenschen ist der Druck, den das Leben ausübt, derselbe, weil beide nicht wissen, wann sie ihren letzten Schritt tun. Aus dem Grund müssen wir dem Tod Aufmerksamkeit zollen, denn er kann uns jederzeit ereilen. Ich kannte einen Mann, der von einer Brücke aus auf einen darunter herfahrenden Zug pinkelte. Der Urinstrahl berührte die Hochspannungsleitungen, er bekam einen elektrischen Schlag und starb auf der Stelle.


Der Tod ist kein Spiel, er ist Wirklichkeit! Ohne den Tod hätten die Handlungen der Zauberer keinerlei Kraft. Du bist persönlich mit dem Tod verbunden, ob du willst oder nicht. Du kannst zynisch sein und alle anderen Aspekte dieser Lehre ablehnen, aber mit dem eigenen Ende ist nicht zu spaßen, weil es jenseits deiner Kontrolle liegt und der Tod unerbittlich ist.


Der Meister des Schicksals kriegt uns alle, ohne Ausnahme. Aber es gibt zwei Arten von Reisenden: Krieger, die mit der Ganzheit ihrer selbst gehen, weil sie jedes Detail ihres Lebens ausgefeilt haben, und Durchschnittsmenschen mit langweiligen Existenzen und ohne Kreativität, deren einzige Hoffnung in der endlosen Wiederholung stereotyper Gewohnheiten liegt, bis zum bitteren Ende. Der Tod dieser Menschen bedeutet nichts, egal ob er heute eintrifft oder in dreißig Jahren. Wir stehen alle auf dem Bahnsteig, der zur Unendlichkeit führt, aber nicht jeder weiß dies. Sich seines eigenen Todes bewußt zu sein, ist eine große Kunst.


Wenn ein Krieger seine Routinen aufgegeben hat, ist es ihm egal, ob er allein oder in Gesellschaft anderer ist, weil er das stille Flüstern des Geistes hört. Dann kann man wahrlich sagen, daß er tot ist. Von diesem Augenblick an wird selbst die einfachste Sache in seinem Leben außergewöhnlich. Um das zu erreichen, muß ein Zauberer lernen, wie er auf eine neue Weise leben kann. Für ihn ist jeder Moment, als wäre es der letzte in seinem Leben. Er verschwendet keine Zeit darauf, unzufrieden zu sein. Und er verschwendet keine Energie. Er wartet nicht, bis er alt ist, um über die Wunder der Welt nachzusinnen. Er blickt nach vorn, er forscht, er weiß und er staunt.


Wenn du Platz für das Unbekannte schaffen willst, dann mußt du dir bewußt machen, daß du sterben wirst. Akzeptiere dein Schicksal als die unabwendbare Tatsache, die es ist. Mache dich mit diesem Gefühl vertraut und übernehme die volle Verantwortung für das unglaubliche Erlebnis, lebendig zu sein. Und nimm angesichts des Todes keine Bettlerhaltung ein - er gibt sich nicht mit jenen ab, die aufgegeben haben. Rufe den Tod in dem Bewußtsein an, daß du auf die Welt gekommen bist, um ihm zu begegnen. Stell dich seiner Herausforderung in dem Wissen, daß du - egal was du tust - nicht die geringste Chance haben wirst, in zu überwinden. Der Tod ist mit Kriegern so sanft, wie er mit Durchschnittsmenschen gnadenlos ist."

In diesem Regime, dem wir hier gerade gegenüberstehen, könnte sich für viele von uns der Tod schon versteckt halten. Es gibt aber überhaupt keinen Grund deswegen Trübsal zu blasen. Ja, es könnte körperlich sehr fordernd werden, aber wie Carlos Castaneda hier richtig beschreibt, ist dieses Leben da, um dem Tod zu begegnen, denn sonst wäre es kein Leben. Zu einer vollständigen Biographie gehört nun mal auch die Begegnung mit ihm.


Manche kommen an seine Schwelle durch Krankheit, andere durch Unfälle, aber wer da noch verschont geblieben ist, na der bekommt es dann eben mit einem Todeskult seiner ihn umgebenden Gesellschaft zu tun, die einen nicht nur töten, sondern davor noch so richtig quälen möchte. Der Tod kann eben nicht ausgetrickst oder umgegangen werden. Überlebst du vielleicht die kommende dunkle politische Phase, so weißt du nicht, was dich danach erwartet. Vielleicht noch eine härtere Diktatur, die dann die andere ersetzt.


Wie man es auch dreht und wendet: Es führt kein Weg dran vorbei die eigene Lage in dieser ganzen Inszenierung zu erkennen, denn nur die hat Gewicht. Die eigene Lage, die durch den eigenen Tod geprägt ist. Nur mit diesem Fakt, vielleicht sogar mit einer kurzen Begegnung mit ihm, hast du erst den Drang, das anzugehen, was dir wichtig ist.

Damit ist aber nicht Eile gemeint, jetzt schnell, schnell noch das anzugehen, was ich immer wollte. Das ist nicht der Sinn. Der Tod nimmt mir den Druck, die Hast. Er gibt mir Stabilität, ja letztlich sogar Sicherheit und Gewißheit, ist kein Feind, sondern ein Freund, auf den man sich voll verlassen kann. Er gibt einem Stille, ein Zuhause, etwas, was einem diese Gesellschaft nie bieten könnte, so sehr sie sich auch meint absichern und verbarrikadieren zu können.


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