Die Prioritätenfrage

Mich beschäftigt zurzeit sehr die Frage: Was ist wirklich wichtig im Leben? Wenn ich nämlich andere Menschen um mich herum betrachte, so stelle ich immer fest, daß diese Dinge als Priorität einstufen, die eigentlich gar nicht so entscheidend sind.


Ich empfinde das z. B. im Job so, was ich letztens auch mal meinem Chef genau so gesagt habe: Gartenbau ist eigentlich genau betrachtet ja gar nicht wichtig. Es ist eher wie ein Spiel, nicht von absoluter Bedeutung. Klar, wir bestreiten dadurch unseren Lebensunterhalt, daß wir diesen Service anbieten, aber wirklich wichtig ist es nicht, was wir da machen. Das merkt man z. B. auch daran, daß jeder Garten irgendwann auch wieder alt wird, und abgerissen werden muß.


Was mir gerade gekommen ist: Ich habe mein Hobby nicht zum Beruf gemacht (wie es gerne in so Lebensratgebern als erstrebenswert propagiert wird; habe auch das Beispiel Monika Gruber genannt), sondern mein Job wurde mehr und mehr zu meinem Hobby. Ich empfinde Gartenbau eher als interessante Nebenbetätigung, dem ich viel meiner Zeit widme, aber nicht als Hauptberufung und -sinn meines Lebens.


Ich weiß auch, daß ich das so mit allen Betätigungen, die ich angehe, empfinde. Ich spiele z. B. liebend gerne Piano, gehe jeden Tag Laufen, schreibe ungemein gerne und viel oder mag auch so Ballsportarten wie Fußball, Handball, Basketball sehr, aber all diese Dinge sind nur spielerische Betätigungen. Die meisten empfinden das gar nicht so, sondern Aktivitäten haben bei den Leuten, die ich draußen sehe, oft eine ungemeine Schwere, da sie mit einer Bedeutsamkeit aufgeladen sind, die sie aber in Wahrheit gar nicht haben. Da wird sich z. B. beim Joggen abgeschunden bis zum geht nicht mehr, nur um dann zu sagen: Man hat was getan. Da ist aber keine Ästhetik, keine Harmonie im Laufen, und damit auch kein Einklang im Tun.


Was gerne als Argument kommt ist: Wenn du diese Dinge ja nicht als so wichtig empfindest, dann wird du ein Stümper, wie ein unbeholfenes Kind, du verhälst dich unverantwortlich, tolerierst Fehler, Unachtsamkeiten, läßt dich gehen usw. Besonders hier in Deutschland wird ja das Pflichtgefühl, das "Richtigmachen" sehr hochgeschrieben, wie sicher jeder bestätigen kann. Ich habe jedoch dabei das Gefühl, daß diese kulturelle Vorgabe nicht viel nützt, sondern eher das Gegenteil bewirkt: Das Angehen an Betätigungen unfroh, steif und zwanghaft werden läßt. Ein ehrlicher Mensch braucht keine kulturelle Erziehung, sondern er wird aus einem Gewissensimpuls immer auch höchste Qualität anstreben wollen, weil nur das wirklich volle Genugtuung gibt.


Was sicher richtig ist: Nur wer die Dinge wie ein Spiel auffaßt, sieht die Dinge aus ihrer eigentlichen Perspektive, und kann das Spiel dann auch umso besser spielen. Weil damit auch die Leichtigkeit vorherrscht, die klares Denken und Handeln erst ermöglicht. Ich merke z. B., daß ich unter Streß oder Zeitdruck diese eigentliche Perspektive verliere, und dann erst recht Fehler mache, unachtsam werde. Die Fehler kommen nicht dadurch, daß ich etwas als unwichtig finde, und dann nachlässig werde, sondern wenn ich aus Angst vor Fehlern verkrampfe und dadurch dann Punkte übersehe, die relevant wären.


Ich merke das z. B. gerade, da ich parallel die Wohnung wieder putze und auf Vordermann bringe: Auch das ist ein Spiel, und ich fühle mich total gut, da Klarheit zu schaffen, weil ich mich sofort besser fühle, besonders auch wenn ich Dinge angehe, die seltener gemacht werden wie z. B. das Bad zu putzen oder alles durchzuwischen, auch die Ecken zu saugen usw. Ich weiß noch, daß meine Mutter da immer ein Riesenstreß gemacht hat, wie schwierig das ist, und was für eine Wahnsinns-Überwindung das bedeutet. Aber das doch nur, wie mir jetzt auffällt, wenn man nicht versteht, wie gut es in Wahrheit tut. Im selben Moment muß ich doch nicht mit mir kämpfen, das anzugehen, oder? Klar ist dafür eine Energie nötig, aber die kommt aus dem richtigen Verständnis früher oder später so oder so. Und wenn nicht, dann muß man eben die Konsequenzen erdulden, die in Unordnung, Häßlichkeit, Gestank liegen. Das kann man ja so auch ganz nüchtern den Kindern klarmachen, die das dann vielleicht sogar gerne auch für sich angehen, oder auch bei einem sehen, wie gut es tut, und das als Inspiration aufgreifen. Nur so läßt sich in Wahrheit etwas beibringen, was kein Aufdrücken und Fordern, sondern eher ein Als-Beispiel-vorangehen ist.


Dasselbe gilt auch für körperliche Ertüchtigung, Arbeitsstelle suchen oder Partner finden. Ich weiß z. B. noch, daß mein Vater vor allem Sport und physischen Stärkeaufbau extrem wichtig fand, und mich dahin regelrecht drängen wollte, mehr zu machen. Das alles aber in einem unfrohen Unterton, der nicht auf meine Freiwilligkeit appellierte, mir klarmachen wollte, wieso es gut wäre das zu tun (weil ich dann sicher auch verstanden hätte, daß es sich tatsächlich so verhält, und ich mich dann wirklich besser fühle), sondern als Zwang, als Müssen, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen, wie z. B. ein richtiger Mann zu werden, der mindestens 90kg hat, die vor allem aus Muskelmasse zu bestehen haben, um dabei vor allem auch im Sport möglichst imponierend zu wirken. Das ist aber keine wirkliche Motivation, weil sie aus dem Ego kommt. Sie gibt nichts, bietet keine echte Perspektive. Echte Motivation ist die Freude, die sich bereits im Tun selber einstellt, und dies ist dann schon der ganze, "große" Sinn des Lebens, wenn man so will. Im Grunde auch relativ unspektakulär.


Ich habe z. B. gestern gemerkt, daß ich mich schwertue den wirklichen Sinn zu beschreiben, als die Praktikantin mich fragte, was denn nur den Sinn ist, wenn z. B. Gartenbau diesen Sinn automatisch nicht bietet, wenn man einen nach dem anderen Garten baut. Menschsein beinhaltet durchaus Dinge zu tun und anzugehen, weil man hier lebt, interagiert, auch irgendwie überleben möchte. Auch Mönche im Kloster, die sich vor allem ihrer spirituellen Sinnsuche verschrieben haben, arbeiten parallel auch sehr viel und das ist alles auch vollkommen richtig und notwendig. Aber das alleine ist ja auch noch nicht genug, weil Arbeit alleine nur ein mechanischer Vorgang ist, was ja auch Roboter können. Der entscheidende Unterschied ist das Bewußtsein, die Präsenz während des Tuns, womit wir wieder bei der Qualität des Moments sind, welche vor allem dann sehr hoch ist, wenn ich es schaffe mein Tun nicht als Selbstquälerei und Mittel zum Zweck zu mißbrauchen, sondern als bereichernden Lebensvorgang zu sehen. Wobei es nicht nur Sehen ist, sondern diesen Vorgang als tiefere Wahrheit verstehen. Mein Tun, mein Reden, mein Beitragen ist ein bereichernder Akt für meine Wirklichkeit. Ist das nicht etwas Wunderbares?


Diese Botschaft zu teilen ist mir wichtig, weil ich mir wünsche, daß jeder diese Leichtigkeit und Freude für sich wiederentdeckt, und damit automatisch diese miesepetrige Schwere und Scheinbedeutsamkeit ablegt. Das Leben schuldet einem nämlich gar nichts, weder Erfolg, noch bestimmte Erfahrungen oder Zustände. Es bietet genau das, was notwendig ist. Und selbst wenn ich mich schlecht fühle, dann ist auch das genau richtig so. Dann ist das genau die Erfahrung, die ich brauche, um dann z. B. zu merken, daß ich mich, wenn ich anfange zu putzen, sofort besser fühle. Das Leben ist da mehr als gerecht.


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Was mir noch einfällt: Ich habe jetzt von Gartenbau als Spiel gesprochen. Es gibt aber natürlich auch Berufe, in denen es auch direkt um Leben und Tod geht wie z. B. Ärzte oder auch Piloten, die sehr viel Verantwortung für Menschenleben haben. Aber auch da gilt: Je verkrampfter ich deswegen werde, desto weniger gut kann ich agieren. Auch da ist eine gewisse Leichtigkeit im Tun am effektivsten.

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