Die Chance, die durch den Druckanstieg kommt

Was ist Zeit? Wenn wir die Uhr betrachten ist es nichts weiter als die Veränderung der Zeiger. Und so ist auch alles im Leben, was wir als Zeit erfahren, als Älter-Werden, als Verfolgen von Projekten, als Fortschritt oder Verfall bei gewissen Arbeiten und Disziplinen usw. usf. nichts weiter als stetige Veränderung. Es ist eine gedachte Linie von Vergangenheit in Richtung Zukunft, alles stattfindend im unveränderbaren Moment, der als Fundament dem allem unterliegt (wobei die Bezeichnung Moment schon irreführend ist, weil er nur einen kleinen, vernachlässigbaren Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft bezeichnet, was er nicht ist; der Moment ist letztlich das, was diese sogar beide umfaßt, also eine Dimension darüber haust, damit gar nichts zu tun hat).

Als ich bei M. gelesen habe: „Zeitdruck“, kam mir, daß Zeit gar nicht das Problem ist. Zeit existiert wie gerade eben erklärt letztlich nur als phänomenale, untergeordnete Ebene, hat an sich keine Realität. Wenn wir genauer anschauen, was eher für uns real ist, dann ist es nicht Zeitdruck, sondern z. B. eine Erwartungshaltung von Chefs, Kunden oder Behörden, also bestimmten Überinstanzen, von denen wir wollen, daß sie zumindest nicht schlecht über uns denken. Wir wollen pünktlich sein, gute Qualität liefern, meinen uns deswegen keine Pause leisten zu können, nicht, weil die Zeit da Druck macht, sondern weil Menschen das gegenseitig von sich fordern. Die gesamte Gesellschaft besteht aus dieser gegenseitigen Überwachung, die Polizei stellt hier nur das berufliche Äquivalent dazu dar. Es geht da nicht um Sicherheit, sondern um Kontrolle.


Besonders ein Kultur wie Deutschland geht da ganz besonders unerbittlich mit seinen Mitgliedern um, hat da wenig Mitleid, wenn es um Liefern von Leistung geht. Da wird dann „die Pflicht“ großgeschrieben, eines der deutschesten Wörter, die es gibt, wie ich finde. Denn damit trieft schon die Humorlosigkeit und Steifheit aus jeder Pore. Ein guter Bürger erfüllt seine Pflicht, läßt sich an der Front abschlachten oder mißhandelt selbst seine Kinder, ganz egal, ob das wirkliche Freude bereitet. Wobei das Immer-wieder-Zerstören von dem, was Generationen aufgebaut haben, doch eine auffällige Konstante in der Geschichte dieses Landes ist, und eine Lust daran sicher nicht ganz unbeteiligt ist; da die deutsche Kultur christlich geprägt ist, und diese Pseudoreligion ja körper- und sexualitätsfeindlich bis ins Extrem ist, sich die da gebundene Energien aber trotzdem irgendwie ihren Weg bahnen müssen, entsteht dann eben durchaus auch eine Lust am sadomasochistischen Sich-und-andere-Quälen. Es ist eine wahrlich gestörte Zivilisation hier.

Aber ich schweife ab. Das ist nur die äußere Seite, die des Kollektivs. Die Frage ist, ob ich mich da habe kaufen lassen. Das ist der Punkt. Klar, ich kenne dieses Pflicht-Ding auch sehr gut, wurde dazu quasi erzogen, sei es die Verpflichtung gegenüber der Familie, oder gegenüber dem Lehrer, dem Staat, und das ist sicher auch etwas, was hier und da in Form von Streß oder Angst aufkommt, aber konnten die mich innerlich kaufen? Niemals. Da war immer etwas, was das durchschaut hat und völlig frei geblieben ist von dieser Beschränktheit und Lebensverachtung. Diese Deutschen haben nämlich alle komplett vergessen, was glücklich macht. Und glücklich macht nicht die Rebellenhaltung vieler junger Menschen, die sich dann gegen das Qualitätsliefern der Leistungsgesellschaft durch Selbstzerstörung stellen, durch Hartz IV, kaputte Kleidung, Piercing, Tattoos, Gothic-Stil und was weiß ich. Das ist alles genausowenig eine wirklich zufriedenstellende Antwort. Glücklich macht, wenn ich erkenne, wie der Prozeß des Werteschaffens von innen her bereichernd wirkt. Das muß mir niemand aufzwingen, weil das ja angeblich gut für mich wäre. Dieses Erkennen kann nur von innen, und nur auf hundertprozentig freiwilliger Basis geschehen, weil ich es selber verstehe. Und das hat dann nichts mehr mit den äußeren Umständen zu tun, nichts mehr damit, was andere einem dazu verklickern wollten. Und dann ist es auch möglich zu arbeiten, Leistung zu bringen, in dieser Alltagswelt seinen Mann zu stehen, ohne dabei zugrunde zu gehen, und nicht nur das: Auch Erfüllung und Stärke für sich zu erschließen.



Daran habe ich, und nur ich alleine Interesse. Ein Kollektiv wie dieses Deutschland mit praktisch allen Mitmenschen, aber auch viele andere Großkulturen wie z. B. besonders die Französische, Russische, Chinesische oder Japanische haben daran NULL Interesse. Und nicht mal eine etwaige Partnerin oder Kinder haben das. Jeder dieser Menschen möchte dich für seine Zwecke einspannen, und ja, es kann sicher auch bereichernd für einen sein da seinen Teil beizutragen, aber wenn man sich vormacht, daß da was für einen zurückkommt kann man sich gleich begraben, denn darum geht es gar nicht. Es geht immer um einen selber in diesem Austausch. Im Grunde lebt jeder sein Leben, und andere Menschen können einem weder etwas geben, noch wegnehmen. Auch eine schlechte Meinung von jemanden über mich nicht. Ich meine, was erwarte ich denn, was der andere von mir denken soll? Daß ich ein toller, liebenswerter, toleranter, gütiger, makelloser, fehlerloser Mensch bin, oder was? Und was habe ich davon, selbst wenn das jemand denkt? Doch gar nichts. Selbst wenn mich jemand so bewertet, dann hat der Mensch selber doch ein Problem, weil er genau dieselbe Meßlatte an sich selber legt, und sich dadurch schindet, weil er wenn er ehrlich zu sich ist, diesem Bild doch unmöglich gerecht werden kann. Was für ein langweiliger Mensch wäre das vor allem, der so wäre? Ist doch gruselig, was den Menschen hier für Ideale in die Köpfe gepreßt werden.

Nichts zählt so sehr wie der gegenwärtige Augenblick. Das Leben des Menschen besteht aus einer Abfolge von Augenblicken. Versteht man den gegenwärtigen Augenblick vollkommen, so gibt es Nichts anders zu tun und Nichts anderes zu erstreben.

Aus dem Hagakure



So verstanden gilt es deshalb auch nicht frei von Druck oder Spannung zu werden. Das ist leider eben auch eine Bürde des Hier-aufgewachsen-Seins. Wir haben nun mal diese Prägung, die in den Knochen des Körpers sitzen, und können sie nicht abschütteln. Im Gegensatz jedoch zu z. B. Indern ist da aber dennoch noch eine gewisse Ruhe und Gründung bei den Deutschen, die mir so vorher noch nicht aufgefallen ist, da die Inder weit getriebener, ruheloser und hektischer sind, als ich wußte, da ich erst wenige kennengelernt habe.



Jetzt in dieser geschichtlichen Phase gehen eben nun vor allem die zugrunde, die genau in diesem Von-außen-etwas-Brauchen hängen, vor allem emotional eben auch als genanntes Anerkannt-werden-Wollen, was dann den Druck erzeugt. Das Ego ist im Kern genau dieser Druckunterschied zur Umwelt.

Die Egos haben nämlich nun ein gewaltiges Problem, da die normalen Ablenkungen nicht mehr funktionieren: Leute treffen, Besichtigungen, Feiern, wo das Ego dann bestätigt wird in seiner angeblich so wichtigen Rolle. Das ist so gut wie alles vorbei. Je mehr ein Mensch aber aus sich selber heraus, im Augenblick steht, emotional unabhängig ist, auch wenn es phasenweise vielleicht mal unangenehm ist, da er mit Gefühlen konfrontiert ist, die er sonst verdrängt, desto besser geht es ihm im Großen und Ganzen und auf lange Sicht, da das Wesentliche nun in dieser Ära umso klarer hervortritt, ähnlich wie weiches Gestein erodiert und hartes Gestein übrig bleibt.



Ich muß zugeben, daß ich die letzten Tage durchaus auch manchmal von der Rolle war, aufgeregt, nervös, reizbar, aber das alleine ist kein Drama, wenn es einfach so gelassen werden kann und nicht abgelehnt wird. Das ist nämlich das eigentliche Problem, was den Karren in den Dreck fährt, nicht das Kräuseln der Wellen an sich. Was ich weiß: Wer in dieser Zeit, in dieser Kultur nicht hin und wieder solche Stimmungen erlebt, der ist entweder komplett abgestumpft oder macht anderen nur vor, daß er immer der souveräne, wissende Obermacker ist, der nie zweifelt und unter Spannung steht. Es geht deshalb nicht darum, von dieser Spannung loszukommen, sondern besser zu verstehen, was der Zusammenhang dahinter ist. Damit wird man sie nicht los, aber die Phasen, wo sie einen in Beschlag nimmt, sind nicht mehr so absolut und oberdominant.