Die soziale Falle (Der Film "Passengers")

Gestern sah ich mir den Film an, merkte aber, daß ich nach anfänglicher Begeisterung für die sich sehr spannend aufziehende Geschichte schon an mehreren Punkten auf bestimmte Denkweisen hereingefallen bin, die sicher gängig und normal sind, deswegen aber keineswegs wahr sind.


Es sind vor allem zwei entscheidende Punkte, die mir aufgefallen sind und auch klar voneinander zu trennen sind:


Punkt 1: Das Empfinden von Schrecklichkeit und fast schon Sterben, wenn ein Mensch alleine, also vollständig auf sich selber zurückgeworfen ist. Mit dieser Dramaturgie arbeitet der Film vor allem die erste ca. Dreiviertelstunde, in der der alleine auf dem Raumschiff gestrandete Passagier eine Ablenkung nach der anderen sucht. Als Erlösung gilt dann nur „der Andere“, welcher wie ein Trostpflaster diese Leere stopfen kann.


Ähnliches Muster ist auch in dem Film Cast Away - Verschollen zu finden, wo dann ein Volleyball oder ein altes Foto der Frau wie ein Rettungsanker wirken soll, der einen vor dem angeblich dann völlig eintretenden Wahnsinn bewahrt. Das Gegenüber, nur das rettet quasi, gibt Kraft, spendet Trost, hilft über die Zeit, so, wie gesagt, die normale Denke. Ohne das sind wir doch völlig verloren, oder?

Diese Hollywoodfilme bedienen sich nur dieses Denkens, welches besonders hier in christlich geprägten Kulturen als völlig selbstverständlich angenommen wird, da es da ja immer besonders um Nächstenliebe, um den Bezug auf andere geht. (Auf eine weitere Beobachtung in dem Zusammenhang gehe ich später noch in Punkt 2 ein.)

Jedenfalls ist es völlig selbstverständlich anzunehmen, daß im Allein-Sein die Verzweiflung so groß ist, daß kein anderer Ausweg bleibt, als sich umzubringen, wie der Protagonist dann versucht, oder mit Glück dann doch noch im Leben gehalten wird, weil da doch noch jemand ist, der mir emotional, sexuell, seelisch etwas zurückgibt, auf mich reagiert.


Es heißt ja, der Mensch sei ein „soziales Wesen“. Was ist der Mensch schließlich noch ohne das? Alle Probleme, die deshalb der Protagonist in dem Film austrägt, gelten dann als spannend und in sich logisch, denn jeder in der gleichen Situation würde sich so fühlen, nicht? Jeder läßt sich dann gehen und verliert jeglichen Lebenssinn. Ist das wirklich so? Ich zweifle das mittlerweile stark an.

Im Grunde kann die gesamte Situation im Film als Scheinproblem abgehakt werden. Da ist eigentlich kein Problem. Dann sitzt er halt auf seiner Raumstation. Es ist klar, daß für die filmische Inszenierung natürlich äußerlich etwas passieren muß, denn sonst würde sich der normale Kinozuschauer gähnend abwenden, aber ganz nüchtern betrachtet ist das ganze Drama völlig überflüßig, unnötig und ein totales Scheinerleben. Ob mit oder ohne Andere: Immer bin ich nur in meiner Situation. Da gibt es nicht bessere oder schlechtere Umstände. Ich erlebe das, was ich erlebe mit oder auch ohne andere. Selbst in so etwas Intimem wie Sex erlebe ich auch nur meine Lust, nicht die des Anderen.

Womit ich zu Punkt 2 komme: Das moralische Dilemma des Passagiers, ob er denn die Zeit, die ihm bleibt, auch für sich nutzt, indem er z. B. die Frau aufweckt. Das muß klar unterschieden werden von der emotionalen Abhängigkeit, aus der so ein Motiv auch da ist, weil es ein Stopfen der Leere bedeuten kann. Der Andere soll mich von meinem Leid befreien, womit ich quasi an ihm wie ein Egel sauge.

Mit Punkt 2 meine ich aber nochmal eine andere Perspektive, nämlich das völlig eigensinnige Streben nach dem eigenen Vorteil z. B. auch sexuell. Auch das wird besonders in unserer Kultur, ich denke aber auch in buddhistischen Ländern, als untugendhaft, böse, sündhaft, illegitim und damit mit zig Tabus belegt. Ein guter Mensch denkt nicht nur an sich und seinen Profit, sondern auch an die Gemeinschaft, an den Vorteil der Menschen um ihn herum, denn wenn jemand nur auf sich schaut, kann ja nichts Gutes entstehen. Der schadet allen.

Im Kern sollen beide Punkte dich auf ihre Weise aus deiner Mitte reißen, und zu einem Werkzeug für deine Umgebung, Familie, Kultur degradieren, für die du angeblich lebst. Du alleine bist nichts Wert; der kommt erst im Kontakt und Austausch mit der Umwelt auf, oder deine eigenen Impulse sind wie erklärt allesamt zu verdächtigen, da sie eigennützige Ziele verfolgen, die erstmal sonst keinem nützen.

Vor allem ist es eine zum Himmel schreiende Unklarheit über die eigene Position, in der der normale westliche Mensch bis zum Hals steckt. Diese Menschen definieren sich zu 100% über ihre Umwelt und haben nicht einmal angefangen zu merken, daß es um sie und nur um sie alleine geht (um wen denn sonst?)! Es geht aber immer um alles andere, um das Fortbestehen der Menschheit, um die Gesundheit aller, um Rettung der Demokratie, um was auch immer, aber nie, nie, nie darf es um einen selber gehen.

So betrachtet bietet dieser Film außer dem eigentlich recht natürlichen Verhalten wie in Punkt 2 beschrieben, und der handwerklichen, schauspielerischen Meisterleistung, die dahintersteckt, wenig Wert. Er bedient sich trotz zunächst interessanter Ausgangssituation eines verkrusteten, alten, erstorbenen Standarddenkens, welches nie wirklichen Tiefgang hat, kein Sinngefühl vermittelt und einen leer im Weltall zurückläßt. Typischerweise geht es dann am Ende wie immer nur darum, sich für „das höhere Wohl“ zu opfern, um der Menschheit oder dem Gemeinwesen doch noch einen Dienst zu erweisen. Darin findet das Individuum dann doch noch seinen Sinn und seinen Platz im Ganzen, was einfach nur eine gigantische Lüge ist.

Genau betrachtet findet sich bereits in diesem Denken der Keim für all den Irrsinn, den wir gerade hier in unserer Gesellschaft erleben: Lauter Menschen, die sich selber völlig vergessen haben und selber verleugnen, opfern sich für den „hohen Wert“, die Volksgesundheit, die ja der eigentliche Sinn ist. Ob diese Menschen sich durch Masken, Geninjektionen und sonst wie geartete Selbstverstümmelungen selber schaden, ist dann natürlich nicht mehr wichtig, weil es dann ja um eine wichtigere Sache geht, für die man auch ehrenwert bereit ist, Nachteile in Kauf zu nehmen.

Der Einzelne ist dann nur noch Teil oder Rädchen einer gigantischen Maschinerie, die ihn und seine Lebenskraft wie einen Rohstoff nur noch benutzt und aussaugt, damit der Apparat weiter funktioniert. Dann ist auch jedes Rädchen beliebig zu ersetzen, nicht mehr völlig individuell (wie jeder Mensch eigentlich ist), und dann es ist auch ganz egal, ob dabei an der Front Leute verheizt werden (durch den verspritzten Stoff), denn das höhere Wohl rechtfertigt ja jedes Mittel.


Manchmal fühle ich mich daher auch wie ein gestrandeter Passagier auf diesem Planeten, der durch das Universum fliegt, erkennend, daß das, wofür diese Leute bereit sind ihr Leben zu geben ihnen gar nichts nützt. Ich lebe unter Menschen, die unter Regelwerken leben, die zu ihrem Nachteil sind, wie z. B. Falschgeld, das aber ohne mit der Wimper zu zucken akzeptieren und tolerieren. Es interessiert nicht einmal, daß sie um ihr Leben betrogen werden.


Unter den Aspekten wäre es ja geradezu ein Segen auf einem menschenleeren Raumschiff mit genug Versorgung verbringen zu können, da wäre man zumindest nicht mit so einer Dummheit konfrontiert. Das Verrückte ist tatsächlich, daß aus der Konstellation im Film wirklich noch ein Problem geschaffen wird. Aber so scheinen die Menschen zu sein. Der hypertrophe Verstand verkompliziert und erschafft lauter Schwierigkeiten, die z. B. Tiere gar nicht haben, auch wenn der Mensch genau dieselbe Wirklichkeit besiedelt. Je mehr ich das betrachte, desto absurder zeigt sich das.


Abschließend kann ich nur sagen: Ob da noch andere herumkrabbeln oder nicht, was die treiben oder ob sie einfach nur schlafen, ist letztlich in der Bedeutung nicht so entscheidend, weil es so oder so immer nur mein Leben ist, solange es andauert und es nur darum geht, was ich aus dem mache, was mir gegeben ist, selbst wenn es nur nach wenig aussieht oder um mich herum eine Katastrophe stattfindet. Es liegt sowieso nicht in meinen Händen, ob das so ist, also muß es als Ist-Zustand genommen und darin zurechtgefunden werden. Nur das ist meine Verantwortung. Nur da bin ich bei mir und nur da habe ich das Gefühl, etwas wirklich Bedeutendes angehen zu können.