Sich veröffentlichen


Je mehr ich meine Position verstehe, desto besser verstehe ich die Position des Menschen überhaupt. So wie ich mein Innenleben wahrnehme, nimmt nämlich auch jeder sich selber wahr, ob er sich das nun eingestehen möchte, oder nicht. Die ganzen Zweifel, Unsicherheiten, v. a. die Peinlichkeiten und Dummheiten, die ja keiner erfahren soll. In Wahrheit hat sie aber jeder irgendwo.

Deswegen tut es auch so gut, und befreit, wenn jemand mit dieser Geheimniskrämerei aufhört und allen zeigt: So, hier bin ich, das beschäftigt mich, da habe ich Probleme, da hänge ich persönlich.

Damit wird jedem gezeigt, daß er nicht alleine in seiner kleinen, stickigen Gedankenwelt ist, sondern daß er dieses Schicksal nicht alleine zu ertragen hat, daß da noch jemand ist, dem es genau so ergeht. Hey, wir stecken ja im gleichen Schlamassel. Wir denken nämlich, das ist alles schrecklich wichtig und privat, und sollte nie jemand erfahren. Dabei ist das Sich-öffnen bereits die Lösung. Du merkst, daß du nicht isoliert, einsam und verlassen bist, sondern daß dich mit jedem Menschen etwas im Kern verbindet. Das Denken, Fühlen ist nämlich in vergleichbaren Situationen relativ ähnlich.

Normal ist ja das: Was die Leuten sehen dürfen, ist, wie gut gelaunt ich in meiner Clique mitgehe. Oder wie erfolgreich ich in meiner Sportaktivität bin, wie fit ich bin. Oder wie leicht es mir fällt humorvoll auf Frauen zuzugehen. Das, und nur das soll die Welt von mir sehen.

Aber nicht, wenn ich im Spielkasino hunderte Euros verzockt habe, oder wenn ich von einer Frau sitzen gelassen werde. Oder wenn ich blöde Fehler im Beruf, im Verkehr oder sonst wo begehe. Das beschämt doch alles, da kriege ich keine Anerkennung, wenn überhaupt nur ein gutgemeintes Schulterklopfen, daß vielleicht doch noch mal aus mir wird, wenn ich mich nur genug anstrenge.

Das ist genau das Bild, was in der Gesellschaft vorherrscht: Jeder versucht von diesem Häufchen Elend wegzukommen, was vom Leben umhergeschubst, ständig in Probleme geritten wird, um das Ideal des sicheren, unantastbaren, erfolgreichen Superstars zu erreichen, der das alles hinter sich gelassen hat. Und das wird sich gegenseitig vorgegauckelt. Jo, was geht bei dir? Jo, paßt alles, und bei dir? Könnte besser nicht laufen. Alter, hätte ich bei dir krassem Typen auch nicht anders erwartet. Jeder übertrifft sich scheinbar in seiner Kraßhaftigkeit.

Instinktiv habe ich mich - schon seit ich denken kann - damit gerieben. Ich konnte nie anders als diese Fassade abzulehnen, und dann erst recht verrückt zu spielen. Ich habe mich teilweise wirklich zum Affen gemacht, herumgeblödelt, rumgeschrien, absurde Sachen veranstaltet, gesungen, gelacht, so daß andere regelrecht schockiert waren.

Wieso habe ich das gemacht? Weil ich das nur so aushalten konnte. Das war die Art wie ich in dieser betonstabilen Konformität für mich noch einen Rest von Lebendigkeit erhalten und konservieren konnte. Vielleicht halten das andere besser aus, keine Ahnung. Ich bin da jedenfalls anders. Keiner dieser Leute würde in ihrem Leben darauf kommen, selber einen Blog zu schreiben, sich so zu zeigen, wie ich es tue.

Was will er da, was macht er da? Kann er nicht endlich mal Ruhe geben? Dann macht er auch noch Videos, schreibt viel zu viel und trifft sich mit suspekten Personen, die bestimmt noch verrückter sind. Wie verloren kann man denn sein? Der will doch nur was Besseres sein. Der meint, er muß sich hier profilieren, darstellen, daß er mehr ist. Wer hier noch gesund ist, ist doch gar keine Frage. Immer diese Nervensägen, die meinen mehr machen zu müssen als wirklich nötig und zumutbar ist.

Ich laß das mal so. Soll sich jeder dazu selber seinen Teil denken.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, Impressum